Der Morgen bietet wie immer gleich mehrere Überraschungen. Die erste ist die, dass sich irgendein ziemlich knochiger, verschlafener und unansehnlicher Kerl über den Flur meiner Behausung schleppt, und die Badezimmertür in unvertretbarer Lautstärke ins Schloss fallen lässt. Die nächste Überraschung erwartet mich im Bad selbst. Beim Blick in den Spiegel muss ich zu meinem völlig berechtigten Entsetzen feststellen, dass es sich bei dieser Person um meine eigene handelt. Es gelingt mir meistens die rudimentären Pflegeeinheiten einzuhalten. Die momentan vorherrschenden Ansichten zu Sitte und Moral in Mitteleuropa, zwingen mich auch an diesem, wie jeden anderen Morgen auch, Kleidung anzulegen. Eine gesellschaftliche Konvention der ich zugegebener Weise einiges abgewinnen kann. Es gibt genug hässliche Arschlöcher, bloß gut dass man diese nicht auch noch unbekleidet ertragen muss. Bis zum öffnen meines Fahrradschlosses passiert meistens nichts Aufregendes mehr. Außer, dass ich wie jeden Morgen das SAT 1 Frühstücksfernsehen so lange verfolge, bis mir keine Ausrede mehr einfällt das Haus endlich zu verlassen. Mit besonderer Vorliebe verfolge ich dann Gossip, und im genannten Morgenmagazin tritt des Öfteren Sibylle Weischenberg auf. Der Titel ihres Auftritts könnte origineller nicht sein: WIP – Weischenbergs Important People. Weischenberg ist eine ganz witzlose Klatschtante. Eine Dame Mitte/Ende 50, die mit größter Vorliebe in der Scheiße irgendwelcher B bis C-Klasse Promis wühlt, um diese dann auf dem Frühstückstisch der Studiokulisse auszubreiten. In den Neudeutsch geschmacklosen Berufsbezeichnungen, die einem Gold statt Altmetall suggerieren sollen, spricht man von einer so genannten Society-Reporterin (siehe auch Facility-Manager). Dabei trägt Weischenberg bereits am frühen Morgen die Nase so hoch, dass man der blöden Kuh bereits bei ihrem Anblick in den Nacken kotzen möchte. Meine Neugier und Langweile ist jedoch immer groß genug um trotzdem mit allergrößtem Interesse zu verfolgen, wer nun gerade Tatjana Gsell bumst oder wie bescheuert Thomas Gottschalk bei einer Charity Gala für ein Gaswerk in Südvietnam angezogen war.
Kommen wir zurück zum Fahrradschloss. Warum können scheiß Fahrradschlösser nicht Schlösser besitzen, die einfach immer funktionieren? Die immer geölt sind. Die den Schlüssel schreiend erwarten. Das Fahrradschloss ist gewissermaßen selbst der Schlüssel zu einem schlecht (oder gut) laufenden Tag. Und auch Fahrradfahren selbst ist voller Tücken. Die niederste Form der Fortbewegung neben Zug fahren. Ist man in letzterem dem Schicksal und Können einer einzelnen Person ausgeliefert, erfordert Fahrradfahren soziales Geschick. Dauernd kommen einem irgendwelche Gestalten entgegen, und irgendein Gesetz unseres Schicksals will es so, dass man, egal in welche Richtung man nun ausweicht, trotzdem jemand entgegenkommt. Man guckt sich dann verlogen an, und tut so, als ob man das Ganze irgendwie lustig fand. Danach passiert nichts Aufregendes mehr – man sitzt, wie in meinem erbarmungswürdigen Fall, stundenlang über irgendwelchen Büchern und fragt sich was der ganze Mist eigentlich soll.
Mensaessen. Sozialer Höhepunkt des Studentenlebens. Mehr noch als Fahrradfahren. Auslöser eines des wohl widerwärtigsten Begriffes, den die schlaffen Hirne irgendwelcher Kampuslover in einer ihrer grausamsten Anfälle von Ideenlosigkeit ausgeheckt haben müssen. Man trifft sich zum „mensen“! Immer wenn ich „mensen“ höre, drehen sich mir spontan die Fußnägel hoch, und ich bin ganz beseelt vom Gedanken partieller Gehörlosigkeit. Die Nahrungsaufnahme von zumeist ungenießbarem und mit wenig Liebe kredenzten Massenfraß wird durch ein eigenes Verb gefeiert. Na Prost Mahlzeit! Überhaupt wird „mensen“ oft zur Folter für Spießer wie mich. Die mit denen man essen will kommen immer zu spät, dann steht man in der Salatschlange und muss mitansehen, wie irgendwelche Idioten ohne festes Salatkonzept stundenlang in den Salatschalen unentschlossen bis verwirrt herumfingern, während man selbst leicht unterzuckert und besinnungslos vor Hunger dahinter steht und wartet. Besonders die Turmmensa hat ihre ganz eigenen Gesetze. Sie ist so etwas wie das Hilton unter den Mensen (hier die richtige Verwendung des Begriffes). Man bekommt Teller! Auch die Essbereiche folgen ihrer ganz eigenen Logik. Ich sitze immer in dem Bereich, der gerne Burschenschaftern, Spießern und Hebammen angedacht ist. Genau hier gehöre ich auch hin. Dann gibt es den etwas lockeren Teil, in dem man in einer vorgegaukelten Baratmosphäre sitzt, und in dem man vorzugsweise dann sitzt, wenn man mindestens eine Carhartt-Kaputzenjacke besitzt, eine schwarze Sonnenbrille hat und mindestens eine Gürteltasche täglich trägt (Hipback). Ich warte nur darauf, bis irgendein übermotivierter Mensamitarbeiter auf die schwachsinnige Idee kommt, dass Ganze in Lounche umzutaufen. Dann gibt es noch den Rasen, wo im Schneidersitz sich gerne das versammelt, was die Natur liebt und dies durch natürlichen Haarwuchs ausdrückt, Pastellfarben nicht abgeneigt ist und die Kleidungsstücke noch gerne mit kleinen Glöckchen schmückt. Im Schneidersitz essen ist mir nach wie vor ein großes physiologisches Rätsel. Meine zahlreichen Versuche in diese Richtungen endeten meistens in Rückenschmerzen und Haltungsschäden. Fast alle, egal wo sie sitzen, können sich immerhin auf mindestens eines einigen: mensen.
Danach sitzt man wieder über Büchern und fragt sich, was der ganze Mist eigentlich soll.
Danach kämpft man wieder mit dem Fahrradschloss.
Danach weicht man wieder irgendjemandem aus.
Danach behauptet man ein Buch zu lesen, und in Wirklichkeit glotzt man irgendeinen Scheiß.
Danach klingelt der Wecker.
Und man fragt sich was der ganze Mist eigentlich soll.