Night of the Clubs heißt ein Ereignis, wegen dem ich beim letzten Mal einen nicht zu verachtenden Wutanfall hatte. Ich hatte den kühnen Plan wegen irgendeinem Mist mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Mir gelang es tatsächlich durch hanebüchene Ausreden an den Bullen vorbeizukommen, wurde dann aber durchweg von wütenden Passanten genervt. Ehrlich gesagt, wenn ich genau darüber nachdenke bin ich nicht mehr so sicher ob das eine NOTC war. Deshalb genug der sinnlosen Einleitung. MOG bekam stolze zwei Bändchen vom Veranstaltungsministerium, um die zu erlangen sämtliche MOG-Autoren einen Ringkampf in Olivenöl veranstalteten, geschehen in einem Hinterzimmer des Savoy.Dank meiner jahrelang trainierten Künste als Wadenbeißer beim Nordkoreanischen Geheimdienst war ich also einer der glücklichen Gewinner und wurde so zum Knight of the Clubs. Das Programm war wenig unterhaltsam, und hatte für mich eher einen gehörigen Entertainmentfaktor im Fremdschämbereich. Chumbawamba fand ich jedenfalls vor 10-12 Jahren mal nicht gut, also konnte ich zumindest prüfen ob irgendeine Form von Reifungsprozess, gepaart mit verschrobenem Musikgeschmack in meinem Leben eingetreten ist.
Mein erster Weg führt mich in die Rodeobar. Ashes Of Pompeji heißt die Band dort – wenigstens ein Bandname wo weder Jahreszeit noch Monat auftauchen. Ein beliebtes Spiel unter Bands, die dem Nagellackrock frönen. So verhält es sich also nicht mit dieser Band, welche allem Anschein nach ein flotter fünfer ist. Ich bin leider kaum in der Lage dies näher zu ergründen, der Laden und ich selbst auch sind einfach zu klein. Dazu kommt auch noch der Umstand, dass ein riesenhafter Kerl sich genau in den Weg stellt. Obwohl meine Eltern Glaser sind, sehe ich nichts weiter als einen Rücken. Eine junge Frau, zu meinem eigenen Erstaunen noch kleiner als ich, zickt erbost in Richtung des Goliath. Ashes Of Pompeji machen ungestört von diesen Episoden im Pöbel des Publikums anscheinend alles richtig, glückliche Äuglein in allen Köpfen. Auf irgendeinem Flyer wurden die überflüssigen The Used als Referenz bemüht. Wahrscheinlich kommt das hin, und vor diesem Hintergrund machen die Freunde einer Stadt, welche sicherlich nicht ohne Grund durch die Wut des Vesuvs von der Landkarte getilgt wurde, ihren Job irgendwie ganz gut. Nicht meine Tasse Tee, aber bitte – wer’s mag… Ich gehe in Richtung Tangente. Gute 10 Jahre wohne ich jetzt in diesem Kaff, aber ich war wirklich erst ein einziges Mal in der Tangente, auf dieser Zartbitterparty. Damals habe ich ein Becks getrunken und bin sofort nach Hause nachdem die Flasche leer war.
In der Tangente angekommen, bin es zu meinem großen Erstaunen leider erstmal ich selbst, und nicht die Bands, der einen ziemlich peinlichen Auftritt hinlegt. Wenig vertraut mit der Bändchenpolitik war ich mir schlichtweg zu fein das gelbe Papiergeschmeide, welches bei der Night of the Clubs die Eintrittskarte darstellt, um meinen zarten Arm zu winden. In gönnerhafter Geste ziehe ich also selbiges aus meiner Tasche, worauf ich am Einlass hingewiesen werde es anzulegen „das muss so!“. Ich mache einen auf beleidigte Leberwurst, drehe mich um und gehe, wobei ich mir wie die coolste Sau des Abends vorkomme. Arme Gestalten wie ich feiern eben kleine Triumphe. Am Kanal sitzend durchdenke ich noch mal die Situation, wobei mir der Sinn des Ganzen überhaupt erst klar wird. Innerlich gebe ich mich geschlagen. Wieder ein kleines Waterloo in meiner lächerlichen Biographie. Peinlich natürlich jetzt zurückzugehen, aber ich würde die Chance verpassen Lolita Nace zu sehen. Meine sadomasochistische Veranlagung ist stärker als die Peinlichkeit des Canossagangs an sich. Wenige Minuten später stehe ich zum zweiten Mal in meinem Leben in der Tangente und sehe End Of Dream. Das gut überschaubare Publikum ist in Stimmung. Die Band scheint Gefahr und Thrill nicht abgeneigt, während der Show werden CD’s ins Publikum geworfen. In Hüllen. Kein Digipack – ein Jewelcase. Eine junge Frau etwa 4 Meter vor mir kann sich glücklich schätzen. In halb annehmender und halb abwehrender Geste gelingt es ihr die Flugbahn der CD so abzuwehren, dass ihr Gesicht nicht erbarmungslos von den Rasiermesserscharfen Kanten des Jewelcase in Stücke gerissen wird. Unmotiviert fällt der Tonträger auf den Boden und wird dort von der neuen Besitzerin zusammengeklaubt. Zur Krönung wird sie, wie auch ich, gleich die harten Lolita Nace sehen. Ich suche mir eine Ecke zum verschnaufen, und beobachte das Publikum. Ein junger Mann, Typ BWL, klärt einen anderen auf, Typ Jura, dass Lolita Nace Rock, „so Crossover“ machen. Das trifft es. Crossover, ein Wort welches schon beim aussprechen einen veritablen Brechreiz auslöst. Während ich noch so über Crossover nachdenke, bemerke ich wie mir eine wildfremde Person in einer Gruppe stehend ihren Arsch, unbemerkt oder nicht, quasi direkt ins Gesicht hält. Danach werde ich vom Besitzer desselben, einer jungen Frau Ende 20, darüber aufgeklärt das es gleich eng wird. Und sie hat völlig recht. Mein Sitzplatz verkommt zu einer engen Folterbank, und ich werde Zeuge verstörender Gesprächsfetzen meiner neuen Sitznachbarn, die sich um Victoria Secret Tops und Lolita Dean (so nennt sich die Sängerin der folgenden Band) drehen, und um den geilen freien Oberkörper des Lolita Nace Bassisten, welcher laut Homepage der Band folgenden sinnlosen Job hat: „Die Ruhe“. Lolita Dean gibt alles, sie beherrscht die die großen Gesten des Rock, und wirkt dabei etwas wie Bill von Tokio Hotel. Die Musik ist gut gespielt, nur eben wirklich ganz entsetzlicher Müll. Je größer die Geste, desto unnötiger die Musik. Die Mehrzahl der Gäste in der Tangente ist offensichtlich ganz fundamental anderer Meinung. „Fliiiiiiiiiiiiiiiiieg zwischen Raum und Zeit“ wird im bekannten „Und jetzt alle!“ Mitmachsystem so lange zelebriert, bis selbst ich geneigt bin es mitzusummen. Tatsächlich hallt der Song noch am nächsten Morgen durch meine Rübe. Ich flog zunächst jedoch erstmal aus der Tangente und landete wenige Minuten später im Jungen Theater, wo ich original 4 Minuten Boskop sah. War nicht schlecht. War nicht gut. Ich war zu kurz da. Im Stechschritt lande ich in der Alten Mensa, wo zu meiner Überraschung Stühle vor der Bühne zu finden sind. Erinnert mich an KISS. Auf KISS Alive I sieht man auf dem Cover, dass ein großer Teil der Fans sitzt. Cool. KISS gingen 95 oder 96, ich weiß nicht mehr genau wann, auf ihrer Reunion Tour ab wie Schmidts Katze. Ace Freley und Peter Criss wurden von einer überzeugenden Menge Chemikalien soweit am Leben gehalten, dass es ihnen gelang unter 4 Tonnen Schminke irgendwie überzeugend Rock’N’Roll zu vermitteln. Keiner verlangt das von Chumbawamba. Eines steht fest, Chumbawamba war zumindest das leiseste Konzert das ich je erlebt habe. Immerhin die Band hat was zu sagen, und ich wette, dass mindestens 45% der Anwesenden eine Pace Fahne irgendwo zu hause rum(zu)liegen haben.
Als ich nach Hause komme fliegt Lisa Bund aus Deutschland sucht den Superstar. Ich schneide meine Fußnägel, putze die Zähne, fasse die wichtigsten Artikel der FAZ noch mal zusammen und lege mich ins Bett. Nein, reifer bin ich nicht geworden wenn ich das mit Chumbawamba nochmal überdenke. Und die FAZ habe ich ehrlich gesagt noch nie gelesen.