Einen der interessantesten Einblicke in das innere Leben von Art- und Zeitgenossen bekommt derjenige, der auf Grund seiner durchschnittlichen ökonomischen Verhältnisse gezwungen ist, seine Herberge mit drei oder im schlimmsten Falle mit noch mehr Leuten zu teilen. Das Ganze trägt die Bezeichnung Wohngemeinschaft, und hat sich spätestens seit den 60er Jahren in großer Breite durchgesetzt. WG’s sind ein interessanter Mikrokosmos, bei dem man sich vor allem als Betroffener immer leicht an der Grenze zur Übelkeit bewegt. Als Beobachter befindet man sich in einer naturgemäß reichlich komfortablen Situation, geschuldet innerer Abkehr und spöttischer Distanz den anderen Kreaturen gegenüber, die so hausen müssen. Man erfreut sich am schwelenden Ärger über Abwaschberge, über die Scheißmusik die sich irgendwelche Spinner im festen Glauben reinziehen, abgefahren anspruchsvolle Megamucke zu konsumieren, dass Ganze jedoch so laut, dass es Kolateralschäden bei denen gibt, die nur ansatzweise das besitzen, was im Lexikon unter dem Wort „Geschmack“ nachzuschlagen ist. Nicht zuletzt ergötzt man sich am Gossip des post-Sex, nachdem auf der letzten WG-Party fröhlich besoffen durch die Zimmer gefickt wurde, und nun die Wohnpläne neu durchdacht werden müssen, nachdem man Zeuge intimster Vorlieben desjenigen geworden ist, der bisher eher dafür bekannt war Schnürsenkel und Spazierstöcke zu sammeln.
Anders sieht es freilich aus, wenn genau diese Problematiken zu allem Überfluss die eigenen werden und man plötzlich nach neuen bunten Figürchen im eigenen Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel suchen muss. Meine ganz persönliche Apokalypse. Die Suche nach einem Mitbewohner ist vergleichbar mit der Oscar Verleihung. Man hat mit schlechten Schauspielern zu tun, die von schlechten Filmen erzählen, die lange her sind, und keine Sau interessieren. Dabei gibt es immer einen, der den Ehren Oscar verdient hat, den Lifetime-Achievement-Avard – und da passt es doch gut, dass es sich bei dieser Person praktischerweise gleich um die eigene handelt. Denn bei all der zu erwartenden Anbiederei des Gegenübers muss man eben selber auch, so gut es geht, eine akzeptable Figur abgeben. Ich bin durch das Glück gesegnet Mitbewohner zu haben, die nun genau das besitzen was mir fehlt. Toleranz. So ertragen sie mit fast bewundernswerter Geduld, mit fast schon elegisch anmutendem Glanz und Charme meine zumeist schlechten Launen, und die in den meisten Fällen völlig unnötigen Bemerkungen zum Tagesgeschehen. Wer als Besucher eine knappe halbe Stunde Zeuge des eigenen sozialen Systems wird, der kann einfach nicht ahnen was sich hinter den Mienen in Wirklichkeit verbirgt. Ich lege also das Gesicht auf, welches ich auch benutze wenn ich von Bullen wegen irgendeiner Scheiße (128 statt 30 km/h vor einer Schule, abzüglich Toleranz) angehalten werde. Ich schaue dann freundlich-naiv-bescheuert, und harre der Dinge die da kommen. Leider sieht es andersherum auch nicht gerade anders aus.
Um 18:00 Uhr hat sich Annette angesagt. Annette ist 21 Jahre alt. Annette studiert irgendeinen Mist, von dem sie momentan ganz begeistert ist. Annette kommt eigentlich aus Hessen, aus einem Ort der noch mal kleiner, provinzieller und langweiliger als die eigene miefige Kleinstadt ist. Annette sitzt seit geschlagenen 17 Minuten an meinem Küchentisch und erzählt und erzählt…und erzählt. Als es geklingelt hatte ging ich zur Tür, und als ich Annette sah schaute ich ihr erstmal auf die Füße. Sie hatte diese Schuhe an, bei denen ich immer ganz tief Luft holen muss. Nicht weil ich Schuhfetischist bin, und spontane sexuelle Berührung im innersten verspürte, sondern weil das genau die Art von Schuhen waren, die Fußaufwärts dann nur noch Langeweile erwarten lassen. Sie waren aus schwarzem Nappaleder und mit einer außerordentlich geschmacklosen Metallschnalle versehen. Vorne liefen sie so spitz zu wie Stecknadeln. Ich sollte mit meiner Ahnung Recht behalten. Annette hatte wahrscheinlich einiges zu erzählen. Ich schaue Annette manchmal auf den Mund, welcher sich permanent bewegt, was eindeutig verrät, dass Annette gerade irgendwas zu erzählen scheint. Ich gehe derweil im innersten die LP „On Top“ von Rye Coalition durch. An den anderen Ecken des Küchentisches sitzen meine Mitbewohner. Auch deren Münder bewegen sich was auf Gegenreaktion schließen lässt. Die Sache scheint zu laufen. „Ich hasse WG-Partys!“ höre ich mich zu meiner großen Überraschung plötzlich selber sagen. Unter ihrer brünetten Unfrisur schauen mich zwei freundliche Augen an: „Das passt mir gut.“ „Unser Abwasch sieht meistens Scheiße aus!“ aber auch das passt Annette gut. Wahrscheinlich würde es Annette nicht mal stören, wenn jemand nackt auf einem Dalmatiner reitend durch die Küche liefe und dabei die Marsailleise auf Karnevalströte trällern würde.
Als die Tür ins Schloss fällt erhält Annette einen Ehren-Oscar, und weder sie noch wir jemals einen Anruf. 19:00 Uhr: am Tisch sitzt Holger. Er ist 31 Jahre alt, und genauso sieht er auch aus. Holger studiert seit 17 Jahren, und genauso sieht er auch aus. Jetzt gerade Informatik, und man ahnt es schon – genauso sieht er auch aus. „Ja, ich rauche.“ Holger hat schütteres Haar und zu allem Überfluss einen Bart, sowie ein T-Shirt mit der originellen Aufschrift „Fuck“. Ich selbst sitze auch am Küchentisch, ich denke an offene Autos und schöne Frauen. Holger erzählt. Er ist einer von der Sorte, die gerne mit Leben glänzen, was Kapitel einschließt, die besser nur Menschen erfahren, die mindestens zwei Semester Psychologie hinter sich haben ohne selbst in die Klappse zu wandern. Plötzlich höre ich meinen eigenen Namen. Kein Wunder, Holger befragt nun mich selbst. Die Frage habe ich nicht verstanden. Sicherheitshalber antworte ich „Musik!“ Da Holger die Fresse hält aber trotzdem zufrieden nickt scheine ich alles richtig gemacht zu haben. Die anderen sind dran, wieder sehe ich Münder die sich bewegen, und Köpfe die fleißig nicken. Am Ende werden Hände geschüttelt, ich tue interessiert und lege eine Fratze auf, die so falsch und doof ist wie die Hitler Tagebücher, die einst mit Erfolg an den Stern verkauft wurden. Die Tür muss sich keine besonderen neuen Tricks einfallen lassen, sie fällt einfach wieder ins Schloss. 80% aller Vorstellungsgespräche langweilen mich zu Tode. Alle finden alles irgendwie nett, irgendwie findet jeder jeden irgendwie toll. Erst am Ende werden die Eier dann schlussendlich auf den Tisch gelegt – und meistens beugt man sich dann vor lachen, oder wankt ermüdet in das eigene Zimmer. Dann irgendwann, nach langer Zeit steht er oder sie dann endlich vor der Tür. Der gesuchte Kompromiss, Mr. oder Mrs. Right. Mit leuchtenden Augen und gepackten Koffern. Dann geht das Spiel von vorne los. Bis man irgendwann wieder einen Zettel voller Halbwahrheiten an irgendein schwarzes Brett hängt. Mensch ärgere dich nicht!