Heute:
Texas Is The Reason, Bielefeld und warum man besser keine Platten verleiht.

Manchmal sind Wege lang und verschlungen. Manchmal fordern Platten Nerven. „Do You Know Who You Are“ von Texas Is The Reason hat mich Nerven gekostet. 1996 habe ich die Platte gekauft, 2006 war sie aus meinem Plattenregal verschwunden.
Meine Nerven lagen blank. 1996 waren Texas Is The Reason auch schon Geschichte, 2006 waren sie wieder da – ganz kurz.

Unschlagbare Kombinationen.
1996, das war eigentlich ein Jahr vieler guter Platten. Aber was Texas Is The Reason in den Oz-Studios in Baltimore einspielten, war von einem anderen Schlag. Ein Wunder oder auch kein Wunder. Die Band hatte auf jeden Fall interessanten Pedigree. Norm Arenas spielte bereits Shelter und auch Chris Daly war ähnlich unterwegs. Er war Schlagzeuger der nicht weniger berühmt berüchtigten 108. Zwei damals durchaus umstrittene Bands, umstritten vor allem durch ihre Nähe zu Hare Krishna – von uns damals liebevoll Harry Kürschner genannt. Hardcore-Kids mit Krishna-Einschlag gab es in überschaubarem Ausmaß. Man legte sich eher aus purer Langweile mit ihnen an, ich weiß noch, wie wir mal ganz billig versuchten die Band Baby Gopal zu provozieren. Ray Cappos Freundin, die in der Band sang, war das alles ziemlich scheißegal. Sie verschwanden bald, einzig ihre Frisuren wurden später in einer Crust-Variante adaptiert. Chris und Norm spielten gemeinsam bei Resurrection vor alldem. Eine alte Freundschaft.
Dann Texas Is The Reason 1994. Der Name den Misfits entliehen. Fertig war die Band. Und dann ging alles schnell – viel zu schnell. Eine erste EP wurde eingespielt, es folgten Split-Singles mit Samuel und The Promise Ring. Und besonders bei letzterer war für mich der Groschen gefallen. „Blue Boy“ war einfach ein unfassbar genialer Song. Als „Blue Boy“ auf meinem Plattenteller lief, wohnte ich in einem kleinen Doppelzimmer eines vormals besetzten Haus. Es gab keinen wirklichen Ofen und ich fror mir den Arsch ab. Wie gut das es Songs wie „Blue Boy“ gab. Während ich mir in meinem scheißkalten Doppelzimmer Gedanken darüber machte, warum ich im jugendlichen Besetzerwahn meine Wände türkis gestrichen hatte, da nahmen Texas Is The Reason wahrscheinlich gerade „Do You Know Who You Are” auf. In Baltimore hatte sich auch J. Robbins eingefunden, der die Welt bereits zusammen mit seiner Band Jawbox mit Alben epischer Schönheit und junger Wucht beschenkt hatte. Eine Band, die für sich selbst ein Kapitel wert wäre. Robbins spielte davor bei Government Issue und steht bis heute für die Produktion einiger Platten, die ich niemals aus meinem Plattenregal wegdenken möchte. Mehr Namen? Monorchid, Kerosene 454, Sleepytime Trio, Dismemberment Plan, Against Me! und Modern Life Is War. Das liest sich wie ein Geschichtsbuch neueren Hardcores. Texas Is The Reason und J. Robbins – das klingt irgendwie logisch.

Wände und Gitarrenwände.
„Do You Know Who You Are” war und ist eine unfassbare Platte. Sie lässt einen kaum Luft holen. Sie hat einen komplexen, ganz typischen frühen Robbins-Sound. Manchmal etwas klatschig, klatschig wie Isis heute manchmal rüberkommen. Es geht auch sofort los, es gibt kein Intro, keine Vorbereitung – es gibt sofort „Johnny On The Spot“. Mein kaltes Zimmer, meine hässliche Wandfarbe, die Platte ließ alles fürchterlich egal werden. Norm Arenas fand diesen Teil der Platte übrigens selber stinklangweilig. Wer dachte dem Opener wird Ruhe folgen, der irrte gewaltig. Danach bot die Band konstant Energie, wunderschönste Melodien und dann doch winzige Verschnaufpausen, kleine Miniaturen, die in sich schon wieder atemberaubend waren und sich sowieso irgendwann entluden. Song Nummer drei: „Nickel Wound“ – ein Song der sich immer weiter steigert. Erst irritiert er einen Moment mit Ruhe, dann fliegt auch er einem um die Ohren ohne weh zu tun. Garrett Klahns Stimme nehme ich bis heute alles ab. Diese ganze Mischung, diese Dichte und diese perfekte Mischung aus Melodie und Ausbruch hielt die Band bis zum Ende der Platte durch. Mein Lieblingssong ohne Frage „Back And To The Left“. Ein einziger Tritt, ein Melodie-Rodeo. Mir läuft jetzt gerade Sabber aus dem Mund. Und schon damals lief einigen die Sabber aus dem Mund. Ahnte man bei Revelation was für eine Platte da entsteht?! Die Band war stolz, wie Gitarrist Norman Brannon Jahre später in einem Interview erzählt. Man hatte Hardcore-Hintergrund, man spielte in etlichen kleinen Bands und hatte plötzlich das Gefühl, eine richtige, echte Platte produziert zu haben. Kompromisslos war man an die Sache rangegangen. Das zahlte sich aus.

Bielefeld, Westfalen-Lippe. 1996.
Bielefeld, nein, keine wirklich schöne Stadt. Nachdem Krieg ersetzte man die zerstörte Stadtsubstanz durch Neubauten im 50er und 60er Jahre-Aufbruchs-Chique. 1973 mündete der Wahn einer gewünschten Großstadt sogar in einer U-Bahn!
Irgendwann steigen Texas Is The Reason in Bielefeld aus ihrem Tourbus aus. Wochen zuvor hatte die Band einen Plattendeal klar gemacht, bei Capitol Records rieb man sich die Hände. Als die Vier aus dem Bus steigen, hat sie sich bereits auch selbst aufgerieben. Texas Is The Reason spielen ihr letztes Konzert. In Bielefeld, Westfalen-Lippe. Die Legende geht, dass Arenas und Daly verabredeten, dass wenn die Show gut würde, dann wäre sie die letzte der Band. Am Ende sang das Publikum ergeben mit. Fragen blieben danach keine offen.
Brannon berichtet, dass er sich noch ein halbes Jahr lang rechtfertigten musste, die hoffnungsvolle Band aufgelöst zu haben. Aber manchmal sind gute Abgänge besser als Mittelmaß und Streit. Auch wenn es dann in Bielefeld sein muss.

Irving Plaza, New York. 2006.
Es gab nie ein richtiges Abschiedkonzert der Band. Nagte das an den Musikern, die mittlerweile durchwachsen erfolgreich mit Bands wie Chamberlain oder Jets To Brazil beschäftigt waren? Oder war es diese Frage, der sich sicherlich nicht nur Brannon stellen musste. Vielleicht war es auch einfach die Lust noch einmal, ganz kurz und überschaubar diese ganzen genialen Songs zu spielen. Für die Band war klar, dass es nicht mehr werden sollte. Oder vielleicht dürfte? Das Irving Plaza war ausgesprochen schnell ausverkauft. Genau zehn Jahre nach Auflösung gab die Band an zwei Tagen hier alles. Und dann verschwand sie wieder – in einigem Rummel. Und sie waren wieder großartig.
Was bleibt ist eine Platte, die prägend für das ist, was heute als Post-Hardcore gilt. Und irgendwie ist die Band ganz typisch für die Entwicklung überhaupt. Ohne Hardcore-Wurzeln nicht denkbar. Nicht mehr das, was einige fälschlicherweise nur an Musik festmachen. Norm Arenas hat in einem Interview die Wichtigkeit ihrer eigenen musikalischen Vergangenheit betont. Und fast alle folgenden Bands, wie Christie Front Drive oder Mineral hatten genau einen solchen Background. Es geht nicht so sehr um Musik, es geht um ein Umfeld. Ein Umfeld, dass sich allerdings gewandelt hat, auch mit Bands wie Texas Is The Reason. Manch ein Fan nahm bitter zur Kenntnis, dass sich eine Mercedes-Benz Werbung eines Texas Is The Reason-Songs bediente. Man ahnte ja noch nicht, dass eine viel weitere Kommerzialisierung des Ganzen auf dem Weg war. Texas Is The Reason waren irgendwie schon the new wave of a thing called „emo“. Das hatte plötzlich nur noch mit der Art der Musik zu tun, nicht mehr mit der Präsentation und dem ganzen drumherum. Knierutschen war das jedenfalls nicht mehr. Emo kennzeichnete plötzlich die vermeindliche Härte von Musik. Ich habe damit immernoch meine Schwierigkeiten.

Brian und Sue aus Hoffman, Arizona, U.S.A.
Als Texas Is The Reason ihre beiden Konzerte in New York spielten, da nagte nicht nur in mir, dass eine Teilnahme meinerseits auf Grund geografischer und finanzieller Schwierigkeiten unmöglich war, sondern auch, dass meine „Do You Know Who You Are“ LP verschwunden war. Ich hatte sie wohl verliehen. Irgendein Arschloch in meinem Freundeskreis hatte Glück, denn mein Gedächtnis ist kaum fähig sich die Namen der nahesten Verwandten zu merken. Bei der Suche nach genau diesem Arschloch ging ich weit. Ich verschickte Mails, fragte immer wieder überall. Sogar Amelie Schmiemann*, meine Ex-Freundin kontaktierte ich in der Hoffnung, das die Platte im Beziehungskonkurs bei ihr gelandet wäre. Tatsächlich beschenkte ich sie eines Tages damit, wie ich heute weiß. Nur war dieses Geschenk an Erinnerungen meinerseits gebunden und Amelie hielt es für unmöglich das ehemalige Geschenk mir zu überlassen. Genau genommen hatte ich es geschafft gleich zwei Texas Is The Reason LP’s zu verlieren. Welch ein Drama. Ein Kompliment das mir so garnicht schmecken wollte! Ein gutes Jahr beschäftigte mich die Platte, die mittlerweile einen gewissen Wert hat. Hatte ich erwähnt, dass auch die Split 7″ mit The Promise Ring verschwand – wenn auch auf eine etwas rauhere Art und Weise. Als mein Auto in Halberstadt aufgebrochen wurde, war ich auch diese Platte los. Nur kam ich an das gestohlene Objekt viel schneller wieder ran. Aus Mitleid wurde sie mir von einem Bekannten geschenkt. Die LP erwieß sich nun als härterer Brocken.
Vor zwei Monaten war es soweit. Die Plattensammlerschaft hatte Sue und Brian aus Hoffman in Arizona wohl einfach übersehen, die neben einigen Jazz-Platten auch „Do You Know Who You Are“ in ihrem Ebay-Shop hatten. Um vier Uhr Nachts war ich um 15 Dollar ärmer (ein Spottpreis) aber um eine Unmenge Erinnerungen reicher.
Mein Nervenkostüm ist übrigens wieder hergestellt.

Aufs Mixtape kommt: Back And To The Left.

Discography:

Texas Is the Reason s/t. 7″,1995 auf Revelation Records
Split 7″ mit Samuel, 1995 auf Simba Recordings und Art Monk Construction
Split 7″ mit The Promise Ring, 1996 auf Jade Tree Records
„Do You Know Who You Are“ LP, 1996 auf Revelation Records
Split-Live-CD mit Samiam, 1999 aus der „Your Choice Live Series“ auf Your Choice Records

*Name geändert