Heute:
Das Fotoalbum der Familie Leo, New York.

New York. Irgendwo dort gründet Mr. Leo, ein Rechtsanwalt, irgendwann in den 70er Jahren eine Familie. Ted, Danny und Christopher erblicken das Licht der Welt. Alle werden gut 20 Jahre später Gitarren in den Händen halten.
Der dritte Teil meiner kleinen Zeitreise führt wieder 10 Jahre zurück. Und ich gebe zu, ich habe gelogen. Unterbewertet oder vergessen – vielleicht, aber eher: Nein. Und wenn der geneigte Leser dem Mixtapegedanken treu bleibt, dann wird es heute gleich eine ganze Anzahl von Songs regnen. Das ist ökonomisch, und irgendwie unausweichlich! An den musikalischen Ausschweifungen der Leo-Brüder bin ich persönlich bei der Mixtapeanfertigung nie vorbei gekommen. Meine zumeist weiblichen Rezipientinnen, aufgrund meiner heterosexuellen Neigungen, verbunden mit dem heute schon fast skandalös bürgerlichen Wunsch einer zweierverbindlichen Vereinigung, Zielgruppe meiner musikalischen Anbiederungsversuche, sollten unter anderem durch die musikalischen Qualitäten der Leo’s von meinen ganz eigenen Qualitäten in Richtung Geschmack überzeugt werden. Der Nachname Leo stand Ende der 90er für Qualität. Ich hingegen lebe immer noch alleine in meiner Finka, im ruhigeren, nordöstlichen Teil Mallorcas.
Bereits vor zehn Jahren zeigten sich bei mir immer mal wieder Anflüge von Langeweile, was Hardcore und Punk anging. Dabei war die Zeit alles andere als schlecht. Es gab schließlich Bands wie The Monorchid, der unübertroffene Circus Lupus Nachfolger, es gab Delta 72 oder meinetwegen auch Bluetip und Kerosene 454. Alle etwas extravagante Alternativen, die nochmals unterstrichen, dass Hardcore weniger auf Musik festgelegt war, als auf das ganze drum herum. Viele junge Hardcore Kids haben genau das heute vergessen, bzw. einfach nicht kapiert, und genau das ist es, was mich an der Hardcore Variante unserer Tage so ankotzt. Wenn es nicht 1-2-3 knüppelt, dann schreien sie mit schmerzverzerrten Gesicht hilf- und orientierungslos das einzige Schimpfwort was der musikalische Kleingeist in solchen Momenten zu bieten hat: Pfui Teufel – Indie. Und Indie ist böse. Und hört mal ihr Idioten, Indie war doch letztlich auch nur ein Witz. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
Bluetip oder Kerosene 454, sie machten irgendwie hausbackenen Rock, der gerade heraus war und trotzdem um die Ecke gedacht. Kerosene 454 machten konstant gute Alben und waren Live eine Wucht. Bluetip hatten ihre Wurzeln bei Swiz, sie konnten einfach nichts falsch machen. Sie hatten ungewollt Style! Kajal war bei diesen Bands nicht notwendig. Let Them Eat … von The Monorchid halte ich bis heute für alleinstehend und modern. Eine Platte die auch noch in ein paar Jahren ihres gleichen suchen wird. Chaos a la The Blood Brothers galt damals noch nicht als bloßes Verkaufsargument für eine zwar kleine Zielgruppe, die man aber doch über den musikalischen Großmarkt erreichen konnte. Dieser Ganze Gitarrenrotz, der heute nur noch über optisches Zusammenspiel und Verkaufstragödie funktioniert, und im Akkord an die Oberfläche geschissen wird, der wird in vielen Jahren nicht mal mehr eine Fußnote sein. Bands wie The Monorchid funktionierten im kleinen. Labels wie Dischord (natürlich), Gravity oder Gern Blandsten machten durchaus gewagte Releases. Ich kaufte damals vielfach blind und war selten enttäuscht. Und The Van Pelt waren für mich damals DIE Band. Stealing From Our Favourite Thiefs ist vielleicht immer noch meine heimliche Lieblingsplatte. Leider war insbesondere die Vinylvariante, offenbar aus Spargründen, durch zu enge Rillen einem miesen Sound unterworfen. Egal, die Platte war eine Erklärung der Ruhe. Sultans Of Sentiment, die zweite hervorragende LP, eine des Schweigens. The Van Pelt waren sofort everybodys Darling, ein ganz eigener, eigentümlich fragiler Sound, gedankt der Stimme Christopher Leo’s und dem herrlichen, jedoch einfachen Songarrangement. Das besondere an The Van Pelt war vielleicht, dass die Band irgendwie poetisch war. Das Chris Leo später als Autor mit White Pigeons ein wirklich gutes Buch über eine fiktive Band, die Vague Angels, herausgab war vielleicht die logische Folge. Und das der Kreis sich dann schließt, indem die Vague Angels aus der Fiktion ins Faktuale heraustreten ist wohl die logische Konsequenz der ersteren. Kommt da noch wer mit? Ich nicht. Stealing From Our Favourite Thiefs bestach dadurch, das der Titelverweis einen herrlichen Bezug auf Rock’N’roll an sich hatte, und paradoxerweise verbargen The Van Pelt ihren Diebstahl perfekt. So perfekt, dass sie letztlich selber im großen Stil bestohlen, und die Referenz anderer wurden. Welch herrliche Ironie! Das zweite Album der belgischen Band Reiziger kopierte derart frech, dass die Kongenialität einer solchen Möglichkeit in der größe der Fußnote unterging. Manchmal ist die Form eben nicht alles, wenn die Stilistik am Ende nicht stimmt. Das war die Fähigkeit von The Van Pelt. Das schlimme war eigentlich, dass mit The Van Pelt das Thema nicht gegessen war. Sie waren nicht mal die Spitze des Eisbergs. Eine Band namens Native Nod war der Vorgeschmack was mit The Van Pelt kam, und in The Lapse fortgesetzt wurde. Native Nod waren wilder, aber hatten genau diesen fragilen Bruch, der sicherlich mit in Leo’s Stimme lag. Der familiäre Stammbaum war auch in Native Nod vorhanden, Chris nebst Bruder Danny, der später als Singer-Songwriter durch die Lande tingelte. Zwei 7“’s, vielleicht ein paar Samplerbeiträge, danach hatten sich Native Nod eindrucksvoll auf der Hardcorelandkarte verewigt. Viel rustikaler, mit viel deutlicheren musikalischen Verweisen befasste sich derweil Bruder Ted Leo. Die Citizens Arrest will ich an dieser Stelle mal beiseite lassen. Chisel glänzten Zeit ihres Bestehens mit herrlichen, spielerischen Bezügen in die 60er. Alle drei LP’s der Band, allen voran „Set You Free“ hatten eine Leichtigkeit die nicht platt werden wollte. Chisel sollten auch nach Deutschland kommen, dann gab es die Band jedoch nicht mehr. 1996 oder 1997 sah ich The Van Pelt zusammen mit The Sin Eaters und The World/Inferno Friendship Society in einem Laden, der vielleicht 20 qm² hatte. Sin Eaters waren die Asche von Chisel und wirklich gut. Für The Van Pelt war ich viel zu positiv voreingenommen, als das ich irgendein Urteil fällen könnte. Nach der Tour gab es The Van Pelt nicht mehr. Nach der LP Sultans Of Sentiment war man durchaus gespannt, in welche Richtung Leo’s neue Band wohl gehen wird. Brian Maryansky landete bei Jets To Brasil. Toko Yasuda, die vorher übrigens bei Blonde Redhead tätig war (!), machte mit Chris eine neue Band: The Lapse. Und nein, keine Konsequenz – The Lapse gingen erstmal einen Schritt zurück, und der Bezug zu den frühen The Van Pelt war an keiner Stelle zu überhören, stealing from our favourite thiefs eben. Mit dem erneut veröffentlichten „The Speeding Train“ versteckte man diesen Anspruch auch keine Sekunde lang. Betrayal geriet zu einem Meisterwerk, welches Stealing From Our Favourite Thiefs keine Sekunde lang nachstand. Ein Geheimtipp war die Band längst nicht mehr. Und Ted? Chisel war Geschichte, The Sin Eaters ein Zwischenspiel. Ted Leo hat seit alledem durchweg fantastische Platten mit den Pharmacists (Ted Leo and the Parmacists) und nichts an Sympathie und Energie verloren. Das erste wirkte etwas verstörend mit seinen Dub- und Raggaekannten. Dafür war ich, Gott sei Dank, zu intolerant. Wenigstens eine Platte ohne Fest.

Aufs Mixtape kommen:
Native Nod: High Tide In Alaska
The Van Pelt: It’s A Suffering
Chisel: Je M’apelle Zero