Ein Fehler am Nachmittag
Es ist eine der größten persönlichen Fehleinschätzungen, die ich da eines schönen nachmittags auf meiner Biedermeier-Couch hingelegt habe. Damals kam ich an einem Sommertag von der Arbeit, sinnentleert schaltete ich mich durch die schwarzen Löcher des nachmittäglichen Fernsehprogramms. Dabei blieb ich bei einem Kanal hängen, dessen Zielgruppe eine ältere ist und in den neuen Bundesländern, wie es so schön heißt, angesiedelt ist. Auf dem Marktplatz einer mittelgroßen Stadt hatten findige Event-Manager (Gerüstbauer) eine Bühne installiert um die herum Stuhlreihen angeordnet waren. In der Mittagshitze hatten hier Menschen Platz genommen, die das Arbeitsleben hinter sich hatten und die bei allen möglichen körperlichen Schwächen vor allem eines konnten, nämlich fröhlich in die Hände klatschen. Das Rhythmusinstrument des kleinen Mannes. Das musikalische Sturmgewehr der Schlagerkultur. Und genau auf dieser Bühne, in diesem hier gerontologisch angelegten Setting, zappelte eine Gruppe von nicht mal einer Hand voll Minderjährigen. Ein spindeldürrer Sänger bewegte sich in ebenso reichlich eingeübten wie elastischen Posen, dass man meinen konnte, Klosterfrau Melissengeist wird hier beworben und jeden Moment würden Doppelherz-Fläschchen vom Himmel regnen. Der Song, zu dem die Band etwas ungelenk, ca. 10 Sekunden vom Playback entfernt und etwas unentschlossen maskulin umhertobte, hieß „Durch den Monsun“. Und, wir wissen es inzwischen alle, die Band dazu hieß auch schon damals Tokio Hotel. Nur bin ich damals vor lachen zusammengezuckt. Dennoch betrachtete ich das Geschehen mit einiger Faszination und ging davon aus das alles irgendwann einmal vergessen zu haben. Welch ein Irrtum! Wie der lauschige Nachmittag auf der Bühne weiterging, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich werden Stars vom Schlage einer Petra Kusch-Lück, Roland Berger oder Claudia Jung ihr bestes gegeben haben. Hitzetote hat es an diesem Tag zumindest keine mehr gegeben. Hirntote allerdings auch schon vorher in diesem Milieu.

Über Verhütung
Etwa vier Monate später war ich mir meines Irrtums sicher. Ich konnte trotzdem stolz sein, ich war wohl einer von ganz wenigen, der die ersten zaghaften Schritte der Band ins Big Business verfolgen durfte. Und mit Sicherheit war ich einer von ganz vielen, von diesen ganz wenigen, der großkotzig genug war, nicht die geniale Idee hinter der Band als nur ihre fürchterliche Musik zu sehen. Peter Hoffmann dachte einen Schritt weiter, als er 2003 die Band entdeckte. Hoffmann nahm die Band unter Vertrag und stellte ein Produzententeam zusammen, dass fortan zuckersüße Gitarrenpop-Ballädchen zusammenklöppelte mit viel Mut zum Klischee und dem Anspruch es vielen und am besten allen Recht zu machen. Die musikalische Arroganz im Großen wie im Kleinen (so Leute wie ich), radebrechten schnell über die vermutete Retorte, vorschnell. Die Idee ist weiterhin genial. Denn, und an dieser Stelle muss man umdenken, Tokio Hotel ist eine Band auch des Geschäfts wegen. Und schon 2003 brauchte man ein nicht unbedingt aufmerksamer Mitmensch zu sein um nicht verstanden zu haben, was die heulende Musikindustrie von ihrem modrigen Altar verbreitete. Allen ging es schlecht, denn die Käufer von einst luden plötzlich lieber runter als für eine Metallica oder Bernhard Brink-Platte zu bezahlen. Verstehen kann ich’s irgendwie. Dabei vergaß man einfach eine Käuferschicht, die für diese Situation wie geschaffen war. Diese Käuferschicht ist naiv, einfältig, billig, für jeden Mist zu haben und völlig geschmacksfrei und das beste: oft noch zu blöd einen Computer zu bedienen, entsprechende Zugänge zu haben, geschweige denn, dass sie sich solche Gerätschaften ohne weiteres leisten könnte. Genau, ich spreche von Kindern! Nun gut, ich muss manchem 7-jährigen Frechdachs zugute halten, dass er in der Regel einen Computer besser beherrscht als das stolze Elternpaar. Ich habe allerdings auch noch nie einen 7-jährigen in ekstatischer Erregung einen Live-Stream die Präsentation irgendeines bescheuerten Mac-Produkts (iToaster oder ähnliches) auf seinem iBook verfolgen sehen. Halten wir fest: ein weites Feld. Halten wir auch fest: eine indirekte Käuferschicht, aber eben doch Käuferschicht, weil völlig entnervte Eltern letztlich doch das Portemonnaie zerknirscht zücken, so die Nachkommenschaft veritablen Terror öffentlich zur Schau stellt, wie man es oft heimlich lachend am Süßigkeitenregal im Supermarkt beobachten kann. Bill, Tom, Georg und Gustav waren nicht wesentlich älter als die Käuferschar und zumindest Bill war geschmacklich so angstfrei ausgestattet um ihn ohne größeren Protest in ein annorektisches Clownskostüm zu zwängen und einen Frisörlehrling mit Experimentierfreude an den Kopf des damals höchstens 16-jährigen zu lassen. Die Band, ein Jackpot für das Produzententeam und ich hoffe inständig, dass diesen Männern mal eine Statue von den Plattenbossen handgemeißelt wird, sorgten diese doch für ein fast vergessenes Substantiv im Plattenbusiness: Profit. Der Stil wurde ruckzuck von schreienden Teenagern übernommen: Platten, Heftchen, Poster und natürlich Klingeltöne wechselten ihre Besitzer, während die Band die Hallen eines jeden Kaffs füllte, das es auf die Landkarte geschafft hat. Der Marketingplan „Tokio Hotel“ war aufgegangen und, dass ist eigentlich auch bemerkenswert, alle konnten sich irgendwie freuen. Fast alle. Wer nicht minderjährig oder gleich bescheuert war, der musste sich dem Terror der Band ergeben und mancher wäre irgendwann lieber im Monsun ersoffen als das Lied noch mal zu hören. Eine fast meteorologisch anmutende Hymne, jung und anspruchslos, naiv zusammengereimt. Erst geht eine Kerze aus, Wolken ziehen auf und wer mit Wetter einigermaßen vertraut ist, weiß: Gleich wird es wohl Regnen. Und ganz recht, im Song verändert sich die Wettersituation drastisch, durch die eine nicht weiter benannte Person dahinwatschelt – einsam getrieben, bis das Wetter dann eben wieder besser wird und die bösen Mächte, wo immer sie auch auftauchten, besiegt werden, „Dann wird alles gut – Dann wird alles gut – Wird alles gut – Alles gut“

Big in Japan
Besinnen wir uns aber auf die Wurzeln unserer der Pubertät mittlerweile entwachsenen Zwillingsbrüder und den zwei anderen Typen. Nein, ich spreche jetzt nicht von Jugend im Magdeburg, sondern von Japan. Denn ohne Japan wäre ein Konzept wie Tokio Hotel nur schwer möglich gewesen. Nein, am Bandnamen wäre das jetzt sicherlich nicht gescheitert, auch wenn „Dinslaken Hotel“ sicherlich bei weitem nicht so mysteriös klingt. Das Konzept an sich war eigentlich kein neues. Während wir alten Europäer seit den 90ern vor allem dem Wahn der Boybands ausgesetzt waren, die eigentlich eine ganz ähnliche Zielgruppe hatten, entwickelten sich in Japan interessante Spielarten des J-Rock. Wer ohnehin mal große Augen machen will was Experimentierfreudigkeit auch im musikalischen angeht, dem sei ein Blick auf die Inselgruppe im Pazifik herzlich empfohlen. Ob J-Rock oder J-Pop, japanische Künstler und Bands zeichnen sich in vielen Fällen deutlich von dem ab, was unser gewohntes Ohr zu leisten vermag. Und wenn sie kopieren, schlagen japanische Bands in der Regel ihre Meister. Japan steckt voller guter und bizarrer Musik. Mal ganz davon abgesehen, dass japanisch eine überraschend angenehme Singsprache ist. J-Rock und J-Pop, dass können ganz unterschiedliche Dinge sein und eine der beeindruckendesten Spielarten nennt sich Visual Kei. Ganz recht, Visual vom englischen visual entliehen und Kei bedeutet in etwa so was wie „Stil“ – was ich in diesem Zusammenhang doch etwas gewagt finde. Wenn man jetzt noch den Begriff Manga in den bunten Reigen wirft, dann wird dem einen oder anderen vielleicht ein Licht aufgehen. Musik ist hier ein Aspekt von vielen. In optischer Hinsicht ist bei Visual Kei wirklich alles erlaubt, wobei man sich in Richtung Gothic orientiert, was das ganze geschmacklich reichlich diskutabel erscheinen lässt. Damit finden sich unter den Visual Kei-Bands einige, die noch ein viel größeres Kasperle-Theater ableisten, als man beim alljährlichen Gothic-Treffen in Leipzig beobachten kann. Wie dem auch sei, in Japan ist Visual Kei eine ganz große Nummer und es braucht nicht viel um einiges davon in Tokio Hotel wiederzuentdecken. Nicht ganz doof – eine übersättigte Käuferschar, die geschmacksfrei jeden Mist rezipiert auch noch optisch zu reizen. Seit Tierversuchen wissen wir, dass das reichlich gut funktionieren kann. Nur spitzte man all dies bei Tokio Hotel auf den armen Bill zu, während Tom und die zwei anderen optisch immer lascher, naja, langweiliger wurden.

Gothic – eine ernste Sache
Nun wissen wir, dass die Ingredienzien des eben genannten prototypisch weiter genutzt wurden. Kinder sind unersättlich, die würden auch Schokolade dann noch fressen, wenn die Zähne ungefähr aussehen, wie die Ruinen der Kapelle von Durness im schönen Schottland. Mit Musik funktioniert das ganz ähnlich. Nach Tokio Hotel hatten wir es mit einer 15-jährigen zu tun, die ein keckes Tribal auf das Jochbein gemalt bekam und mit einer peinlichen Kapelle im Gothic-Look auftrat. LaFee – Hauptschülerin mit den richtigen Gesten und ausreichend Stimme um sogleich eine Platte aufzunehmen. Eine 15-jährige Künstlerin, bei der man sich unter vorgehaltener Hand erzählt, ihren Managern würde der Angstschweiß auf der Stirn stehen, so ihr Schützling zum Spontaninterview gerufen wird. LaFee hatte es eher auf Mädchen abgesehen, auf Power-Girls im präpubertären Outfit. Aussage ungefähr: Jungs sind scheiße, vor allem wenn sie Luschies sind. Unter solchen Umständen hätte ich es in der Kindheit schwer gehabt.
Visual Kei – nun, so ganz ist das Kapitel eigentlich noch nicht abgeschlossen. In den letzten Jahren gab es noch andere musikalische Entwicklungen. Eine davon heißt „Emo“ und verbindet sich mit Bands wie My Chemical Romance oder Panic at the Disco und manch Hardcore-Fan, der die 90er miterleben durfte, rauft sich beim heutigen Gebrauch des kleinen Wörtchens „Emo“ verzweifelt die Haare. Pubertärer Rock war diese neue Einkleidung des Begriffs zwar auch irgendwie, aber soviel wollen wir dem Ganzen mal zugute halten – mit Tokio Hotel oder gar der seichten LaFee hatte das nichts zu tun. Außer vielleicht, das der Look und das ganze Gehabe drum herum schnellstens von denen adaptiert wurde, die Tokio Hotel ein paar Jahre hinter sich gelassen hatte. Eine seriöse Fortsetzung also. Und wer heute mal mindestens zwei Stunden Musikfernsehen mutig und schadlos übersteht, der wird dann eine Band entdecken, die alles, wirklich alles genannte vermengt: Cinema Bizarre. Hier hat man es geschafft, gleich fünf androgyne Bill’s aus dem Boden zu stampfen, reichlich Manga, reichlich albern, reichlich jung und musikalisch reichlich von den bereits genannten drei unscheinbaren Buchstaben (siehe z.B. My Chemical Romance) ausgestattet. Nach meiner Erfahrung mit den vier jungen Ossis wage ich es kaum eine Prognose abzugeben. Immerhin hatte die Band bereits eine Bravo-Story, als man nur ahnen konnten in welche Richtung man wohl musikalisch zu expandieren gedenkt. Und liest man die Biographie der Band, was an sich schon bemerkenswert ist, dann findet sich sogar ein ganz direkter Verweis auf Visual Kei. Die Mär der Band gibt vor, sich auf einer Manga-Convention getroffen zu haben – alles andere ist Business Bla-Bla. Die Band unter Vertrag zu nehmen war sicherlich nicht mal ansatzweise so innovativ wie im Falle Tokio Hotels, wie auch immer – Strify, Kiro, Shin, Yu und Luminor, so heißen die fünf Musiker zwischen 17 und 22 Jahren, präsentieren nun in Kostümen, in die ich nur unter Androhung roher Gewalt schlüpfen würde, ihre erste Single „Lovesongs (they kill me)“. Ein überaus seichtes Machwerk, genielos zusammengeklaut bei der, ich nenn es mal „the new wave of emo“ und, man hält es kaum für möglich, noch gebügelter hingekupfert. Immerhin, im Gegensatz zum Magdeburger Quartett, das erstmal auf Nummer sicher ging in einer Sprache, welcher die Zielgruppe mächtig sein sollte, klagen Cinema Bizarre auf Englisch. So kann international erlebt werden, wie gelitten wird an, ja – das Lovesongs eben manchmal töten können oder woran auch immer. Im Video werden tiefe Blicke und alberne Frisuren präsentiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das den fünf Jungens in ein paar Jahren recht peinlich sein wird. Auf der Fanseite sind mittlerweile die Ergebnisse des optischen Auftritts zu genießen – hier griff der geneigte Fan zwischen Klingelton und Hausaufgaben zum Filzstift und hat seinen Beitrag zu, ob gewollt oder ungewollt sei dahingestellt, abstrakter Kunst geleistet. Immerhin, mit guten Nerven hat das alles trotzdem Unterhaltungswert. Sind doch irgendwie noch Kinder.