Screamo, ein Kunstwort und eine Unart. Nicht weil die Musik an sich schlecht wäre, nein, weil Screamo eine Neurock Erfindung ist, die sich auf dem schmalen Grad zwischen Authentizität und Sell out bewegt. Sell out hat es meiner Ansicht nie wirklich gegeben. Ich habe das Geschrei und Geheul nie verstanden, ich habe aber auch oft die Bands nicht verstanden, wenn sie blauäugig und hoffnungsvoll irgendwo unterschrieben, und sich dann peinlich versuchten zu legitimieren. Keine dieser Bands muss sich legitimieren. Und wenn sie es machen, machen sie es meistens nicht besonders gut. Sie treten nach unten, weil sie Müde sind, von den Untergrundpäpsten all die Vorwürfe zu hören, gleichzeitig buckeln sie nach unten, denn sie brauchen die Credibility, um sich ihre Authentizität nach oben, und an uns alle zu promoten. Meistens geht das alles schief. Nagel von Muff Potter sitzt heute bei Total Request Live (MTV), und versucht sich gegenüber der Castinggewalt zu legitimieren. Unlängst so geschehen. Nagel sitzt, neben einem Anzug irgendeiner Plattenfirma, Namen vergessen – unwichtig, dem megaplatten Moderator Patrice Bouédibéla (die Pest von MTV), dann, gegenüber, Nevio Passaro (neue Single „Run Away“), zweiter bei irgendeiner Deutschland-Sucht-Den-Superstar Staffel (DSDS). Das war’s noch nicht, in der Sitzgruppe neben dem aufgedunsenen Italiener Passaro, räkelt sich noch eine Trulla die aus der aktuellen DSDS-Staffel geflogen ist, sowie – Küblböck. Daniel Küblböck: Sänger, Filmstar, Gurkenfan. Letzterer kaum wieder zu erkennen, Haare kurz, die Akne erfolgreich besiegt, an der musikalischen Minderwertigkeit immer noch arbeitend. Wer bei Youtube etwas sucht, der wird entdecken, dass sicht nicht viel getan hat bei Küblböck. Umso erstaunlicher, das die Eggenfelder Pestbeule immer noch Fans hat. Diese sitzen reichlich impertinent, mit allerlei zahntechnischem Beiwerk in der Fresse im Publikum, und beklatschen jede noch so dumme Bemerkung Küblböcks. Kein leichter Stand für den Muff Potter Frontmann. Nur macht Nagel, bei aller Sympathie für die Band und ihre frühen Platten, keine gute Figur, sondern zeigt den ganzen Zwiespalt einer Punkband und dem Business. Nagel macht sich zurecht über die Maschinerie dessen her, die zum Beispiel so etwas wie Passaro an die Oberfläche kotzt. Nur ist Muff Potter nun selber ein Teil genau dieser Ekel erregenden Maschinerie, daran gibt es nichts wegzudiskutieren. Und so verhallt Nagels Kritik, jedenfalls für mich, im Wind, wenn er Passaro vorwirft Musik zu machen, weil er vor allem Kohle machen will. Deswegen hat Passaro in einem peinlichen TV-Format mitgemacht. Nicht mehr und nicht weniger. Aber warum unterschreiben Muff Potter bei der Industrie? Geht es nur um bessere Möglichkeiten? Geht es um eine Message? Geht es etwa doch um – Kohle? Nicht mehr und nicht weniger? Was hat nun der musikalische Background noch für eine Bedeutung. Muff Potter wurden bereits vor dem Big Business beliebig. Was macht Passaro aber nun grundsätzlich schlechter – auf dieser Ebene? Sehen wir von der Musik also mal ab. Passaro hat nicht die Vergangenheit von Nagel. Underground ist im Grunde genommen ein selektiver Luxus, wer die Mechanismen nicht kennt, der wird sie möglicherweise nicht auf Anhieb verstehen. Das kann man keinem vorwerfen, auch nicht Nevio Passaro. Das man eine Platte auch ganz alternativ, vollkommen Abseits vertreiben kann ist ihm wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen. Auf diesem Luxus ruhen sich nun zahlreiche Underground Emporkömmlinge aus – ich finde das langweilig und albern.
Die Emporkömmlinge sind in den meisten Fällen nur noch die verzweifelten Versuche der dem alten Profit hinterherheulenden Majors, irgendwas brauchbares, etwas verkäufliches in die Plattenläden zu stellen, was wir uns dann herunterladen. Die fratzenartige Ausbreitung der Trends war schon immer beliebtes und probates Mittel den Ertrag zu steigern – die heutigen Folien sind da keine Ausnahme. Nehmen wir die Mittelmäßigkeit dessen, was Franz Ferdinand nach sich zog. Eine Unmenge von schlechten Bands, die im Wesentlichen von der Kopie an sich lebten. Bands wie die Kaiser Chiefs, die nur für einen Moment interessant wirken, bis man den nächsten Klon in den Händen hält. Musik, die in 30-40 Jahren, wenn überhaupt vielleicht als Fußnote existieren wird. Oder nehmen wir die zahlreichen Kajal Kaiser, My Chemical Romance, Bullet For My Valentine, The Used – sie alle haben ihre musikalischen Wurzeln in Bands, die eher aus dem Underground, oder dessen Peripherie kommen, aber ihnen fehlt etwas – you’ve got no soul baby. Der Klon wirkt albern und aufgesetzt, und es fällt schwer diesen Bands irgendetwas abzunehmen. Sie haben keine wirklichen Charaktäre. Die hatten die Vorbilder oft auch nicht, aber in einer fast Comicartigen Farce wird heute versucht genau solche zu kreieren – vielleicht um die musikalische Beliebigkeit zu kaschieren. Dabei wird tief in den Schminkkoffer gegriffen. Die Tradition heißt Glamrock, aber niemand, wirklich niemand würde sich die Blöße geben, und sich die (eigentliche) Coolness eines Dee Snyder erlauben. Snyder reizte die Exzentrik von Glam komplett aus, und wedelte bunt bemalt, in Tüll, Spitze und Dessou über die Bühne. Dee Snyder hatte Charakter, eine großartige Kunstfigur. Twisted Sister, eine großartige Band! Kiss erfanden auf ihre sehr spezielle Art das Corpse-Paint, und waren in all ihrem Auftreten so grotesk, dass man einfach hinsehen musste. Eine großartige Band! Pete Wentz von Fallout Boy ist nichts von alledem. Aber wenigstens dichten sich Fallout Boy nicht wirklich einen Underground an, eine Band fürs Portemonnaie. Pete Wentz steht aber auch für die Personalisierung eines Konzeptes. Wentz ist auf seine Art Fallout Boy, er hat den nötigen Background der dann doch legitimiert, und er fäßt sich in die Hose um seinen Schwanz rauszuholen – Fotos die Schlagzeilen produzieren. Aber er sieht neben den Protagonisten der bereits genannten Bands nicht anders aus – wie sich seine Band auch kaum von diesen anderen Unterscheidet. Die Kajal Kaiser führen sich letztlich selbst ad absurdum. Die Vorbilder stehen derart außen vor, dass von Sell out nicht die Rede sein kann. Denn Prinzipien werden von niemandem aufgegeben. Und was ist mit Muff Potter, oder was ist mit Kettcar? Sie sind nette Alternativen, im Radio, zwischen noch unbrauchbarerem anderen Rotz. Sie sind Bands die gute Geschichten erzählen, aber sie sind eben auch austauschbar. Sie geben keine wirklichen Prinzipien auf, sie gehen schwierige Wege – und geben auf eine Art ihre eigene Vergangenheit auf. Irgendwie dann doch schade…