Indierock! Das ist eigentlich nicht mehr als eine Phrase. Das war früher die Musik für gescheitelte Gymnasiasten, die besseres zu tun hatten als, so wie ich, Snap geil zu finden. Was habe ich diese Menschen gehasst. Und wie viel schlimmer war es, dass ich selbst kurze Zeit später ein solcher wurde. Aber Indierock war zu kurz, es musste gleich Punk sein. Aus der Perspektive ist Indierock auch schon wieder uncool. Und heute? Heute hat sich alles verändert. Und vieles was mal Punk, was mal Hardcore war, ist plötzlich Indierock. Die einen finden das gut, die anderen schlecht. Ich hasse es wieder. Und irgendwie beißt sich die Katze in den Schwanz. Und ich will mich innerlich mit Händen und Füßen wehren, im folgenden Text den Begriff Indierock auch nur ein weiteres Mal zu benutzen.

Indierock. Also Indierock flutschte Ende der 90er dann doch wieder in meinen Alltag. Denn von einen Tag auf den anderen hatte Hardcore eine bunte Schar von Bands produziert, die man fröhlich unter Vertrag nahm und plötzlich Indierock-Bands waren. Warum es ausgerechnet die Bands waren, die plötzlich etwas größer im Geschäft waren – also dass das nun ausgerechnet „Indie“ sein sollte, nun ja, dass passt bis heute nicht in meinen Kopf. Indie war trotzdem was anderes. Man konnte zwar „Indie“ klingen, aber Punk sein! Heute klingen viele Bands vielleicht nach Punkrock, wollen aber eigentlich Indie sein und sind am Ende nichts von beidem! Das letzte mir bekannte Label, dass den Namen „Indie“ verdient hätte, ist Aggro-Berlin. Da kann man nun kurzsichtig die Nase rümpfen wie man will.
Heute darf darüber hinaus jedes dahergelaufene Friseurmodell auf die Bühne laufen, blöd grinsen, Gitarre spielen und eventuell mit Hasenkot auf der Nase balancieren – wenn das gut aussieht, wird eine Platte gemacht, eine Tour gespielt und T-Shirts verkauft (mit Totenköpfen und Rosen dran). Dazu gibt es dann Fans mit durcheditierten Myspace-Profilen, deren galaktischer Lebenshöhepunkt eine Aussage in Richtung „Ich finde vor allem Klamotten cool!“ ist. Dazu gibt es ein Sternchen-Tattoo das man sich dann irgendwann später weglasert. Das war’s dann auch schon. Zwei Jahre später hört man dann auch Xavier Naidoo oder vergleichbare Gülle. In jedem Fall etwas, was eigentlich kein Mensch auf diesem schönen Planeten braucht. Tiefgang wie die Pfütze vor meiner Wohnungstür im Moment. Kann mir bitte jemand seinen Finger in den Hals stecken?

Schon Mitte der 90er war es eine Wohltat in all dem, was sich da auftat, Bands wie Kerosene454 oder The Monorchid zu entdecken – obwohl man schon Circus Lupus hatte. Vor allem The Monorchid hätten im gefälligen Sound einiges reißen können, boten aber einen grandios vertrackten Soundtrack zum „Fuck You!“ sagen und setzten mit Skull Control noch einen drauf. Vor allem Troubleman Unlimited hatte sich früh als Label gezeigt, dass sich einiges traut und hoch hinaus will. Gerne auch mal mit Musik, die dem Ohr einiges abverlangt. Troubleman legte den Käufer immer wieder gerne aufs Kreuz. Bands wie The Hal Al Shedad durften hier eine LP auflegen, ihre schlechteste übrigens, gleichzeitig aber auch Orthrelm – der Gegenentwurf von musikalischer Schmeichelei. Wer sich also auf eine verlässliche Nummer einlassen wollte, war bei diesem Label falsch. Troubleman, dass Label mit dem Afro-Kopf, machte damals schon etwas, was mir heute oftmals fehlt. Dem nach dem Einheitsbrei lechzenden Konsumenten werden Aufgaben gestellt. Nur interessiert das heute zumindest Hardcore-Kids nicht mehr die Bohne. Für die ist bekanntlich alles andere Indierock. Vom Prinzip haben sie ja recht. Wenn ich an Indie Rock denke, dann langweile ich mich spontan. Und im Falle von Meneguar diesen Begriff in Betracht zu ziehen, das wäre kurzsichtig. Meneguar klingen ganz nach der beschriebenen Zeit. Melodisch und gleichzeitig vertrackt spielten sich die New Yorker durch bisher zwei LP’s. Ganz souverän steht die Band eben nicht im Trend, nicht mal einen Ansatz Elektronik, keinen Dancepunk. Die Produktion passt zum Gesamtbild. Ich habe selten unaufdringlichere Platten erlebt. Immerhin, selbst der unnötige Rolling Stone verliebte sich spontan in das Quartett, ohne es zum Trend zu machen und dadurch zum Tode verurteilen. Die Band setzt ganz auf Melodie im richtigen Augenblick, optische Effekte klemmt man sich. Manchmal scheint die schöne Melodie absichtlich verschmutzt. Meneguar unterscheiden sich angenehm im Strom der Releases, möglicherweise liegt dies an der engen Verwurzelung der Band in die D.I.Y.-Szene. Man spielte in diversen anderen Bands (Books Lie), man machte eigene Labels und organisierte Shows in New York. Dieser Hintergrund ist heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit. So haben Meneguar auch einen ganz eigenen Zugang zu Indierock. Jarvis Tarveniere von Meneguar äußerte sich in einem Interview auf yellowisthenewpink.com wie folgt: These days, whenever someone refers to a band as indie rock it’s usually just a synonym for boring. I don‘t think I want to be associated with what indierock is right now because it was so important in the late 80’s/early 90’s. It occupied a similar cultural space as punk did before it. I‘d send away for an album that was recorded on a 4-track in someone’s bedroom and put out by a band member. It was exciting. It was my punkrock. I‘d love to be that to someone. Wie recht dieser Mann doch hat!

Meneguar ist eine Band, die auf bisher zwei Platten völlig begeistern konnte! Musik, die nach vorne geht, ungebügelt schön ist und Bezüge hat, von denen ich mir mehr wünschen würde. Herrlich frei von Effekten. Endlich mal Rock‘n'Roll an den Stellen wo es drauf ankommt! Und eine kräftige Portion Punk/Hardcore-Attitude!

Releases:
I Was Born at Night. CD/LP. 2006. Troubleman Unlimited (zunächst auf Magic Bullet und Nar Schaddaa Records released).
Strangers in Our House. CD/LP. 2007. Troubleman Unlimited.
The In Hour. LP. 2008. Woodsist.
MENEGUAR- Tone Banks 1 „Some Downs“ auf Fuckittapes.