Ich mochte immer Bands mit Biografien. Ich meine wirkliche Biografien, Bands die über sich selbst hinaus etwas zu erzählen haben, vielleicht auch nur schon der Umstand, sich durch irgendeine Kleinigkeit einfach zu unterscheiden. Manche Bands verfolgt man stringent über viele Jahre hinweg, leidet mit ihnen, fragt sich manchmal was Dieses oder Jenes soll, und wartet trotzdem gespannt auf das nächste Album.
Die Manic Street Preachers waren für mich wirklich immer eine dieser Bands. Eine der ganz wenigen großen Bands, die mich nicht nur unterhielten, sondern auch bewegten auf eine Art. Mir kamen die Manic Street Preachers dabei immer wie eine Band vor, die es schaffte einfach da zu sein, neben den ganzen anderen, und ganz souverän Perlen auf Platten unterzubringen, die vielleicht in ihrer Gänze nicht ganz überzeugten. Die Band veränderte sich, um immer wieder bei sich selbst anzukommen. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich „Generation Terrorists“ kaufte, nachdem ich Minuten zuvor „Motorcycle Emptyness“ hörte, einen meiner absoluten Lieblingssongs bis heute. Und bis heute hätte die waliser Band, die man gleichzeitig als Glam und Sozialistisch bezeichnen kann (OHA!), zigfach Gelegenheit gehabt, sich in den ganzen Höhen und Tiefen aufzulösen. Dabei schien drohender Untergang auch immer Antrieb zu sein. Es hätte alles nicht trauriger und romantischer zugleich aussehen können. 1995 wird Richey James‘ Jaguar in der Nähe einer hohen Brücke gefunden. Der depressive, zu Autoaggression neigende, zu einem nicht unwesentlichen Teil für den Sound der Manic’s verantwortliche James ist bis heute verschwunden. Da hatten die Manic Street Preachers gerade mit „The Holy Bible“ ein wirklich fantastisches Album abgeliefert. Sie machten weiter, „Everything Mus Go“ hätte alles nicht besser treffen können. Eine Platte die bis heute als Meilenstein im Brit-Rock gilt. Völlig zu Recht! Die Manic Street Preachers sind nicht tot zu kriegen. Anders sah es jedoch mit meiner Geduld aus. Mein Enthusiasmus ließ ehrlicherweise zumindest bei der vorletzten Platte etwas nach. Die Soloausflüge habe ich nicht mitbekommen – was aber nachgeholt werden muss. „Send Away The Tigers“ heist die neue Platte der Manic Street Preachers. Und nein, es ist kein zweites “Generation Terrorists” wie vielfach, vielleicht auch hoffend, formuliert wird. Das Album ist schon ein Blick zurück, vielleicht eher zu “Everything Must Go”, aber es ist schwierig Parallelen zu ziehen. Man erkennt die frühe Band, aber sie klingt durch und durch souverän. Nicht Erwachsen, dass wäre lächerlich. Souverän trifft es einfach am besten, Selbstbewusst, durchaus – man gab die Songs blind zur Weiterproduktion. Das ist mutig.
„Send Away The Tigers“ hat Längen, aber zwischendrin beweisen die Manic Street Preachers ihr melodisches Feingefühl, immer an der richtigen Stelle den richtigen Ton zu treffen. Und sie haben genau das, was nicht viele „große“ Rockbands haben, sie wissen um die Dramatik einer LP. Der Titelsong ist großartig, und „Winterlovers“ rundet das Ganze am Ende herrlich hymnisch ab. Und da verzeihe ich die eine oder andere Länge. Angemerkt werden muss an dieser Stelle sicher Nina Perssons Gastauftritt in „Your Love Is Not Enough“. Perssons Stimme passt perfekt ins Preachers-Universum. Eine Kombination mit der ich nicht gerechnet hätte.
Über die Arctic Monkeys kann man noch nicht mal Ansatzweise soviel schreiben, zumindest wenn es um Geschichte und Dramatik geht. Auch sie kommen von der Insel, aus Sheffield, aber ihre Geschichte könnte anders, und bezeichnender nicht sein. Die Manic Street Preachers sind ein andere Generation. Sie sind die Generation, die tatsächlich Platten verkaufen musste. Um die Arctic Monkeys hingegen rankt sich eine Legende ganz anderen Charakters. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass ausgerechnet der Marktplatz vermeidlich junger Menschen mit Geltungsbewusstsein (was mich einschließt), nämlich Myspace, eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte der Band spielt. Wie man inzwischen weiß, kam das jedoch erst nachdem die Band auf einer ganz normalen Homepage ihre Songs einfach so zur Verfügung stellte. Heute, in der Zeit der Gesichtslosigkeit von Musik, da brauchen Bands Geschichten. Bands wie die Manic Street Preachers haben das alles erlebt, die Halbwertzeit von Bands a la Arctic Monkeys wird anders bemessen. Wie auch immer er aussah, die Band hat einen Hype erlebt, der wirklich bemerkenswert ist, aber im Brit-Rock auch nicht ungewöhnlich. Die Wirkung von Musikgazetten ist auf der Insel seit je her eine andere. Meine Skepsis dem Hype gegenüber könnte nicht größer sein. Die Plattenfirma freut sich jedenfalls, denn entgegen aller Gewohnheiten, scheinen viele Fans der Band, die Platte derselbigen tatsächlich zu kaufen. Und hier fangen die Probleme schon an. Genau solche Bands brauchen heute vor allem die Plattenfirmen, und Bands wie die Arctic Monkeys laufen Gefahr im Veröffentlichungsstrudel zu ersaufen. Denn solange der Hype hält müssen Alben her. Bands wie die Manic Street Preachers können souverän sein, denn sie haben ihr Scherflein geleistet, dass hört man ihnen an. Dieser spezielle Charakter, den sich manche Band lange erarbeiten muss, der fehlt vielen Neuschöpfungen, gerade britischer Bands. Die Arctic Monkeys klingen auf ihrem recht schnell nachgereichten Zweitwerk „My Favourite Worst Nightmare“ schon eigen. Bei den Manic Street Preachers bleiben die Leute sicher sitzen, wenn in der Kleinstadtdisco wieder die coole Sau mit der verrückten Frisur auflegt, bei den Arctic Monkeys wird extatisch aufgesprungen, sobald die ersten Takte von „Brainstorm“ erklingen. Souverän heißt eben nicht unbedingt Tanzbar, schon gar nicht eingehend. Der Sound ist durchaus interessant, er ist modern, durch und durch „post“, mit Referenzen an die Vergangenheit, die immer wieder perfekt dem hohen Faktor an „post“ angepasst wird. Das ist, gerade bei einer so jungen Band, wirklich bemerkenswert. Einige Songs vermitteln eine fast düstere, gleichzeitig frische Spannung, wie z.B. „This House Is A Circus“. Trotzdem sind die Arctic Monekys eher ein musikalische Tendenz der Zeit, ich bin wirklich gespannt welche Entwicklung diese Band nehmen wird.

Und jetzt, der Kauftip:
Du willst dich für die Geschichte einer Band interessieren, dann besorge dir „Send Away The Tigers“, und schau nach ob du nicht „The Holy Bible“ und „Everything Must Go“ billig bekommst (die Chance sind sehr gut).
Du willst Zeiten vergleichen und kein Fragezeichen auf der Stirn haben, wenn deine geilen Indie-Freunde über Musik labern, dann erstehe „My Favourite Worst Nightmare“, aber besorge dir „The Holy Bible“ und „Everything Must Go“, und glänze auf der nächsten Party mit deinem geilen Insiderwissen ;)