Im Sommer 2002 starb John Graham Mellor in Sommerset, im Südwesten Großbritanniens, an einem Herzinfarkt. Mellor wurde 50 Jahre alt. Eine Geschichte die alltäglich ist. Die meisten Leben bestehen aus Alltag, und mache gehen ein wenig darüber hinaus. Und kaum jemand kennt John Graham Mellor, aber ziemlich viele kennen Joe Strummer, so nannte sich Mellor, als Musiker, als Punkrocker bei The 101ers, bei London SS und schließlich bei THE CLASH. Strummers Abgang wird von einem musikalischen Makel begleitet. Nur zwei Wochen vor seinem Tod, spielt er Gitarre ein, zu einem Song der „Janky Holocaust“ hieß, und auf dem, Gott sei Dank, nie erschienenem letzten Album der Guns’N’Roses dabei sein sollte.
Strummer eignet sich hervorragend um in den Wurzeln von Punk zu wühlen, und sich auf eine der beiden Seiten zu stellen – war es die USA oder die britische Insel, die Punk gebar? Ich glaube weder das eine, noch das andere. Ich fand die frühen Punkbands der USA, und die aus Großbritannien in den meisten Fällen viel zu unterschiedlich. In den Wurzeln, ganz früh jedenfalls. Danach mag es Synergien bis zum geht nicht mehr gegeben haben. Strummers Band THE CLASH hatte, ganz von der Grundsatzdebatte mal abgesehen, eine ganz eigene Rolle. Sie waren eine Londoner Punkband, wirkten aber auf eine Art fast – amerikanisch, vor allem aber entsprachen sie nicht dem 3-Akkorde Clichè. Und auch textlich gingen THE CLASH viel weiter, nämlich wirklich tiefer, als manche der anderen Protagonisten dieser wilden Zeit. Vielleicht spielte Strummers Herkunft eine Rolle, vielleicht war Strummer sogar das erste Mittelklasse-Kid, dass mittels Punk versuchte, sich halbwegs elaboriert und politisch auszudrücken. Das klingt nach Hardcore ab den 90ern! Vielleicht war aber alles auch ein logische Folge dieser, eigentlich ganz und gar gewöhnlichen Biografie. Strummer beschäftigte sich mit Designkunst und mit Musik. Der Stil, der damals in vielen Londoner Clubs en vogue war, war deutlich amerikanisch geprägt, von Rhythm and Blues und von Songwritern a la Woody Guthrie. Ein Stil, der in seiner Summe Teil der 101ers werden sollte, und der auch Strummers musikalisches Schaffen über Jahre beeinflusst hat. Dazu war die Band, für damalige Verhältnisse, hochpolitisch, keine Hausbesetzung ohne einen Auftritt der Band. Später, bei den CLASH hörte man jedoch auch das, was THE SEX PISTOLS mit aller Gewalt an die Oberfläche knallen ließen. Nur war die Wut von THE CLASH eine andere, als die der SEX PISTOLS. Diese verharrten in einem Nihilismus, der die Band letztlich auch selbst zerstörte, THE CLASH bleiben bei Kampfansagen. Wobei sich die Band erstaunlich offen hielt, was andere Musikstile anging. Sie waren rau, und blieben das in fast jeder Form. Dies wurde ein Markenzeichen, dem THE CLASH treu blieben. Eine Geschichte des Erfolgs, die endete, als mit dem Ruhm auch Drogen kamen, sowie Risse innerhalb der Band, die nicht mehr zu kitten waren. THE CLASH lösten sich auf.

Strummer veröffentlichte über die Jahre mal interessante, mal fürchterliche Soloversuche. Auch als Schauspieler war Strummer zu sehen, so in Jim Jarmushs Mysterie Train. Mit den Mescaleros gab es einen, nicht schlechten, Versuch an alte Erfolge anzuknüpfen. Aber dem Tod springt niemand von der Schippe, auch nicht Joe Strummer.
Julien Temple ist seit The Great Rock‘n'Roll Swindle und The Filth And The Fury ein absolut renommierter Dokumentarfilmer überhaupt. Und es passt, das ausgerechnet er ein Portait Strummers nun auf die Leinwand bringt. Der Film portraitiert die Band, die Musik und auch Punk in seiner vielleicht spannendsten Zeit. Zu Wort kommen zahlreiche Weggefährten, sowie einige Figuren, bei denen es durchaus interessant wird, was ausgerechnet sie zur Sache anzugeben haben. Namen? Bono, Matt Dillon, Johnny Depp und John Cusack!

Joe Strummer – The Future Is Unwritten
Ab dem 31.05. im Limiere.