Die erste Platte von Jimmy Eat World heißt „Jimmy Eat World“. Das kleine Label Wooden Blue brachte die LP 1994 raus. Nur 2000 Stück wurden gepresst. Das ist eigentlich nicht viel – vor allem wenn man bedenkt welchen Stellenwert die Band heute hat. Immer wieder erzählt man sich der Band wäre die erste Platte irgendwie peinlich. Und es ist schon merkwürdig, dass sie nie nachgepresst wurde. Sobald sich zeigt, dass mit einer Band Geld verdient werden kann, sind die findigen Managements eigentlich schnell dabei so gut wie alles zu vermarkten, was ansatzweise dazu taugt. Nicht so mit dem ersten Album von Jimmy Eat World. 1994 klingt die Band noch ganz anders. Sie klingt deutlich nach Garden Variety – ohne auch nur ansatzweise deren Energie zu fangen. Nur nimmt bis dahin wohl eh niemand Notiz von der Band aus Mesa in Arizona.

Drei Jahre später ist alles anders. Die Band veröffentlicht „Static Prevails“ auf Capitol Records. Das war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Ohne viel Aufhebens hatte die Band einen Major-Plattenvertrag. Damals war das noch keine Selbstverständlichkeit. Und bemerkenswerterweise gelangte die Platte auf Umwege in deutsche Plattenregale. Sagen wir CD-Regale. Als ich die CD über irgendeinen Import in die Hände bekam war ich völlig überrascht. Die Band hatte einen sehr frischen, energetischen Sound. Das passte in die Zeit. Das klang immer noch nach Garden Variety, nach Seven Storey Mountain oder Sensefield. Aber es hatte mittlerweile eine ganz eigene Note. Schleierhaft war mir, warum die Platte auf Capitol erschien und warum sie hier zunächst schwer zu bekommen war. Trotzdem schaffte es die Band in Windeseile sich auch hier einen Namen zu machen. Schnell sah man Jimmy Eat World live, eine Band, die sich den Arsch abspielte. Sänger Jim Adkins in aller Regel bis auf die Knochen nass geschwitzt.

Es ist immer eine Frage der Single. Plattenfirmen interessieren sich eigentlich nicht für Bands. Plattenfirmen interessieren sich für Singles. Sie interessieren sich für Verkauf. Sie gaukeln natürlich anderes vor. Und mit leuchtenden Augen freuen sich Bands über Freiheiten, die eigentlich keine sind. Capitol hatte kaum Interesse an Europa. Static Prevails hatte wahrscheinlich nicht genug „Potenzial“. Irgendein hirnloses Konzept wird sich ein noch hirnloserer A&R ausgedacht und ausgerechnet haben.
1999 produzierte die Band mit dem Album „Clarity“ einen Riesenerfolg. Jimmy Eat World spielten in der Regel in ausverkauften Clubs. Aber hatte die Band „Potenzial“?! Gab es eine Single?! Gab es eine Single und damit Kohle für Capitol?! „Lucky Denver Mint“ war sie. Die Single auf die A&R’s warten. Die Single, die zeigt was für ein lächerlicher Zirkus Rock’n’Roll ist. Capitol brachte die Single erst, als sie im Radio bereits ein Riesenhit war. Spätestens hier wussten auch Jimmy Eat World, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Capitol glaubte wohl an die Single – aber nicht an Jimmy Eat World. Die Band organisiert selbst eine Tour in Europa und schickte „Clarity“ höchst selbst über den Teich. Danach war mit Capitol Schluss.

Die Frage der Single wirft noch andere Fragen auf. Was verrät eine Single über ein Album? Die Single ist das, was den Hörer fangen soll. Was ihn an der Nase herumführen soll. In vielen Fällen ist die Single der große Coup – aber auch eine große Verarsche.
Jimmy Eat World hatten ein Gespür für Singles. Die nächste Platte hieß „Bleed American“ – selbst produziert und finanziert und voller Singles. Die Platte, der Bruch mit dem großen Major, war trotzdem Big Business. Plötzlich begann man zu signen. „Emo“ war das neue Ding. Irgendwie drehten sich Jimmy Eat World im Kreis. „Bleed American“ war eine gute Platte. Danach kam „Futures“ und hatte mit „Pain“ eine fantastische Single. Sie zeigte beide Seiten. Das Label konnte sich freuen über den Verkauf, manch ein Käufer konnte sich ärgern über die Verarsche. Die Platte kam an die Single nicht ran. Und irgendwie gilt das für alle Jimmy Eat World Singles. Sie stellen Höhepunkte der jeweiligen LP dar. Aber ist ein guter Song ein Maßstab? Für mich ist eine gute Platte die, bei der jeder Song die Single sein könnte. So ist jeder irgendwie ein A&R.

„Chase the Lights“ heißt die neue LP von Jimmy Eat World. Und wenn ich was zu sagen hätte, dann wäre ganz klar, dass „Big Casino“ die Single wäre. Ein toller Song, der Jimmy Eat World da zeigt, wo sie am besten sind. Mit vielen „Oh-Oooooohhh’s“ und tollen Melodien. „Big Casino“ ist der Song, der Jimmy Eat World in Bestform zeigt. Wenn ich „Big Casino“ höre, dann sehe ich Jim Adkins, wie er schwitzend auf der Bühne alles gibt. Dafür habe ich zumindest „Static Prevails“ geliebt. Und ich hasse es zugeben zu müssen, dass ich der Band Wandel nicht gönnen wollte. Was für ein Langweiler! Das Problem – ich will mich nicht ans Radio gewöhnen oder ans Stadion. Ich möchte keine Rockmusik, die auch Thomas Gottschalk gut finden könnte. Auf „Chase the Lights“ finden Jimmy Eat World in nur sehr überschaubarer Weise zu alten Qualitäten zurück. „Electabel (Give It Up)“ könnte all das nicht schöner vermengen und an all das erinnern. Sie können immer noch diese typischen Hymnen schreiben, wie den Titelsong „Chase the Lights“ oder „Fireflight“, extatisch und kitschig. Dazwischen verlieren sie sich schnell in Radio-Beliebigkeit. Ideenlos und belanglos – immerhin, keine ganz kraftlose Platte. Konsenzmusik, die man gut finden kann, die aber auch gesichtslos bleibt zwischen ein paar Höhepunkten. Zwischen ein paar Singles, die über die Platte nichts aussagen. Eine Platte, die man hören kann und die niemanden stört, die nie weh tut, die gemütlich ist. Aber sie ist eben leider nicht mehr als das. Und die Summe der Teile ist eine aalglatte Rockscheibe, mit reichlich Chorus, Zucker und Wehmut. Warum aber nicht mehr Mut und mehr Erinnerung – mehr Schweiß?!

„Chase the Lights“ erscheint Mitte Oktober. Und eine Single wird es ganz bestimmt auch geben. Im Radio dann.