Ich liebe die Autobahn. Ich fahre gerne schnell, und ich interessiere mich meistens einen Scheiß für das, was bei Minimum 150 km/h am Fenster vorbeifliegt. Gibt es keine Autobahn, dann fährt man oft durch Landstriche, bei denen man sich denkt – naja, lieber doch ganz tot als hier lebendig begraben. 280 km sind es von Göttingen nach Golzow im Oderbruch. Nicht komplett Autobahn. Leider.
Wenn ich nachts von meiner letzten Schicht im Krematorium nach Hause komme, dann falle ich meist mit tauben Beinen ins Bett. Ich schaffe es mit letzten Kräften die Fernbedienung in die Hand zu nehmen und den Fernseher, das einzige Objekt in meinem grün gekachelten Zimmer, in Gang zu setzen. Das Nachtprogramm ist für Schlaflose wie mich so eine Sache für sich. Auf 20% der Sender läuft Klingelton-Werbung, auf weiteren 40% kann man Nicole anrufen (0190-666666), die sich die Seele aus dem Leib stöhnt, wobei sexuelle Erfüllung in höchster Kunst erwartet werden soll. Auf weiteren 30% kann man Fragen beantworten wie „Wo steht der schiefe Turm von Pisa?“, und auf den restlichen Sendern laufen Nachrichten, Transportreportagen oder Weltraumbilder. Wenn man Glück hat schläft man trotzdem ein. Oder man landet bei einem dritten Programm in Golzow. Dort lief in der Vergangenheit immer wieder „Die Kinder von Golzow“. Das hört sich wirklich stinklangweilig an! Manchmal sind es aber die Schicksale derer, die aus einer großkotzigen Haltung gerne recht undefiniert und vorschnell als „spießig“ abgehandelt werden, die aber in ihrer Normalität und ihrem völligem Anderssein faszinieren. Unsympathisch ist mir das nie – es ist genau das, was ich an Filmen wie „Full Metal Village“ liebe. Eine ganz nahe Distanz. Die Sympathie des einfachen. Immer wenn ich mal wieder nachts in einer „Die Kinder von Golzow“-Reportage hängenblieb, wurden die Nächte für mich sehr lang. Durch die Ruhe und die Nähe der Menschen war es mir unmöglich abzuschalten.
„Die Kinder von Golzow“ ist eine ganz spektakuläre unspektakuläre Geschichte. Sie zeigt die Lebensläufe einer Reihe von Menschen, die 1961, die Mauer (auch als antifaschistischer Schutzwall verkauft) ist frisch hochgezogen, in Golzow eingeschult werden. Golzow, keine Großstadt, nicht mal eine Kleinstadt. 2005 hatte Golzow nicht einmal 1000 Einwohner.
So unspektakulär Golzow war, so spektakulär waren die 60er Jahre für den Film. Für den Spielfilm wie für den Dokumentarfilm. Vor allem letzterer sollte zu einer ganz neuen, in den westlichen Ländern vor allem zu einer politischen Form, finden und blühen. Die Technik hatte es bis in die 70er (und bis heute) möglich gemacht, ganz neue Dokumentarformen zu probieren: Kameras wurden kleiner, Technik zugänglicher. Möglichkeiten, die in der DDR sicherlich nicht in diesem Ausmaß zu finden waren. Und politisch kontroverse Ideen – daran war kaum zu denken. In seiner Grundform ist „Die Kinder von Golzow“ vielleicht nichts besonderes – wenn man den Dokumentationszeitraum nicht berücksichtigt, denn seit 1961 wird gedreht. Golzow hatte damals gerade eine neue Schule bekommen, in der die jungen Landeier nun 10 Jahre am Stück beschult werden sollten. Schließlich entstand eine Langzeitdokumentation, die das Leben von Einzelschicksalen in der DDR schildert und auf ganz interessante Weise auch ein Portrait der DDR werden sollte – auch wenn sie „Die Kinder von Golzow“ nicht überlebt hat. Am Ende handelt es sich doch auch um einen politischen Alltagsfilm. Barbara und Winfried Junge (nach einer Idee von Karl Gass, Winfried Junge bis 1984 zunächst allein) begleiteten dreizehn Menschen der Jahrgänge 1953-1955. Der letzte Film über die Kinder von Golzow kam im Jahr 2006; inzwischen war es schwierig geworden manchen Lebensweg zu verfolgen. Der Großteil der frühen Filme umspannt meist nicht mehr als 30 Minuten. Danach wurden die Abstände der Besuche länger, die Filme länger und manche Geschichte auch tragischer. In den 80er und 90er Jahren folgten zusammenfassende, reflektierende Filme, sowie Einzelportraits. So konnte man Elkes und Marieluises Leben verfolgen, beide aus evangelischem beziehungsweise katholischem Haushalt, teilweise problematische Biografien: Eine der beiden verliebte sich in einen SED-Mann. An diesen Stellen hatten es die Filmemacher dann oft schwer, weiter an ihre Protagonisten heranzukommen. Allzu oft führte die Chronik des Alltags weit an der Version der DDR vorbei, die man sich offiziell wünschte. Besonders im Gedächtnis blieb mir immer „Brigitte und Marcel – Golzower Lebenswege“. Brigitte, ein recht lebenslustiges Mädchen, das man auf der Einschulung fröhlich beobachten kann. Ein Leben das schwierig werden sollte. Mit 17 Mutter, allein – nie wirklich glücklich geworden. Brigitte starb schon mit 29 Jahren an Herzversagen, ab dann verfolgte man Sohn Marcel, der zunächst bei seinen Großeltern blieb. Nach dem Ende der DDR findet er sich recht orientierungslos als Schweißer auf einer Art Schrottplatz wieder. Dabei entstehen trostloseste Aufnahmen einer Arbeitsrealität, die man seinem schlimmsten Feind nicht wünschen möchte – sie wirken wie aus einer Komödie, tragikomisch und verkehrt, wie aus einem Aki Kaurismäki Film. Nur das hier ist die Realität. Später wird Marcel Vater eines behinderten Kindes. Manchmal merkt man die Ermüdung mancher Protagonisten, und doch schafften es die Filmemacher Barbara und Winfried Junge immer den richtigen Abstand und den richtigen Ton zu wahren. Sie fragen nach und bleiben in einer beobachtenden Distanz. Der Film Lebensläufe kam 1985 in das Guinness-Buch, als der Film mit der längsten Produktionsdauer (von Triers „Dimensions“ wurde 1991 begonnen, sollte 2004 fertig gestellt werden – woraus wohl nichts mehr wird). Interessant ist, dass immer noch Filmmaterial für weitere Filme vorliegt. Insgesamt gut 20 Filme sind über die Kinder von Golzow entstanden. Jeder Film ein authentisches Dokument des Alltags und der kleinen Geschichte. Über das Projekt selbst geben die Macher an, dass es den Zuschauer dazu bringen soll genau hinzuhören und hinzusehen – man soll sich mit den Durchschnittszeitgenossen in Verbindung setzen, sich vergleichen. Das schaffen die Filme, denn sie spielen nichts vor, sie sind an keiner Stelle penetrant, sondern sind eigentlich ganz wie ihr eigenes Objekt. Eine ganz konstante, manchmal anrührende Langatmigkeit im kleinen wie im großen – ohne jede Reizüberflutung. Faszinierend wie genau das fesselt, denn man wartet darauf, was die Normalität wohl als nächstes parat hält.
Wenn ich manchmal den Berliner Ring lang rase, dann denke ich zumindest mal ganz kurz an diesen Landstrich, und an Golzow. Bis zum nächsten Nachtprogramm.

Am Mittwoch, den 11.07. sind Barbara und Winfried Junge zu Gast im Literarischen Zentrum Göttingen. Beginn 20 Uhr.