Unplugged ist einfach Scheiße. Unplugged ist eine Erfindung für Rockstars, denen nichts neues mehr einfällt. Die setzen sich dann auf Barhocker, um ihren hunderte, ja tausende Male durchgenudelten Rotz dann noch mal in einer Version vorzuschmieren, die man selber dann irgendeiner Geliebten auf ein Mixtape lötet. Unplugged wird immer dann schwierig, wenn Lieblingsbands auf dem Barmobilar Platz nehmen. Bei Nirvana gab es kein Vertun, das „legendäre“ Unplugged wurde derartig oft über den Äther gejagt, dass selbst der treueste Fan am liebsten von der nächstliegenden Klippe gesprungen wäre. Bei Oasis wurde es härter. Die Band, der ich aus einem mir selber kaum begreiflichen Grund völlig ergeben bin. Aber das konnte man sich schön reden, Liam konnte nicht, so musste Noel, Gott der Band, alles singen. Welch ein Fest. Dann die andere Band, der ich aus völlig verständlichen Gründen erlegen bin: KISS. Aber das war wieder was anderes. Klassiker, absolut notwendig, wenn es um fettigen Rock’n’Roll mit geschmacklosen Musikerklamotten geht.

Am 14. Mai 1990 gab Chad Channing sein letztes Konzert mit seiner Band Nirvana. Dale Crover gibt ein kurzes Gastspiel – dann ein Typ namens Dave Grohl. Dave Eric Grohl.
Der Mann aus Ohio hat alles richtig gemacht. Wirklich alles. Erst spielt er bei Scream, zwar zu einem Zeitpunkt als die D.C.-Hardcore-Band ihren Zenit längst überstiegen hat, dennoch gut für die Biographie. Dann Nirvana. Dann ist Cobain tot. Dann die Foo Fighters. Grohl spielt die Platte komplett selbst ein. Das Erstlingswerk ist ein Erfolg, eine exzellente runde Platte. Eine Platte, die vorgab, was folgen sollte. Danach sammelt Grohl Musiker ein und versammelt Namen, bei dem manchem die Augen wässrig werden. Die Rythmussektion wird aus Sunny Day Real Estate-Personal rekrutiert. An Gitarre Nummer zwei Pat Smear. Der mysteriöse zweite Gittarist von Nirvana. Wichtiger noch, Gitarrist der legendären Germs. Eine der wichtigsten frühen Punkbands der USA, eine der beschissendsten Livebands, dank Sänger Darby Crashs Drogenexzesse. Was für ein Kümmerling Pete Doherty dagegen ist.
Nun ja, dass Personalkarussel der Foo Fighters drehte sich reichlich. Schlagzeuger William Goldsmith ging wieder zurück zu Sunny Day Real Estate, die nach ein paar Jahren Pause mit „How It Feels to Be Something On“ ein grandioses letztes Album aufnahmen.
Und die Foo Fighters, die wurden neu besetzt. Nate Mendel blieb am Bass, Smear verschwand irgendwann, am Schlagzeug landete Taylor Hawkins und an Smears Gitarre bald Chris Shiflett von No Use For A Name.
In diesen ständigen Wechseln gelang es der Band trotzdem konstant großartige Platten aufzunehmen, mit leichter absteigender Tendenz. Konsensplatten, die fast jedem gefallen. Unbestrittener Höhepunkt für viele ist „The Colour and the Shape“, dass jetzt 10 Jahre nach Erscheinen neu gemastert noch einmal aufgelegt wurde. Charteinstieg in Großbritannien ist für die Foo Fighters auch mit einem 10 Jahre alten Album kein Problem. Mit der Platte hatte die Band die Messlatte reichlich hoch angelegt. Die folgenden Scheiben brauchten um sich zu entfalten. Erst beim dritten oder vierten Hören erkannte man die Qualitäten.

Nach drei durchweg guten Platten (nach „Foo Fighters“ und „The Colour and the Shape“) dann „Skin and Bones“. Waren die Foo Fighters eine schwülstige, richtig echte Rockband geworden? Die Foo Fighters hatten ein Unpluggedalbum aufgenommen, ohne es so zu nennen. Zumindest konnte das für den zweiten Teil des Doppelalbums gelten. Auf dem fand sich der Vermerk „20 Songs on 2 CDs. One loud. One not so loud.“ Die laute Variante hatte das Foo Fighters-Syndrom, einen erstklassigen Einstieg. Dann dauerte es, wie immer, zwei Hörgänge. Die Unplugged-Seite war immerhin kein Aufguss von längst bekanntem, sondern eine eigenständige, vor allem aber gute Platte. „Skin and Bones“ wird gerne auf letzteren Teil reduziert, dabei war „Skin and Bones“ ein ganz typisches Foo Fighters-Album. Toller erster Song, dann brauchte es etwas.
„Echoes, Silence, Patience & Grace“ steht in dieser Tradition. Es ist das sechste Studioalbum einer Band, die nichts mehr beweisen muss. Vielleicht liegt die Qualität der Band genau darin. Beweisen müssen sie einfach nichts mehr. Niemandem. Die Foo Fighters legen mit der Eröffnungsnummer „The Pretender“ eine Braten hin, der alles zeigt was die Foo Fighters können. Sie haben Wucht, sie haben Melodie, sie haben die eine oder andere Überraschung. Dieser verfluchte erste Song. Wer eine Platte so eröffnet, hat es schwer. Und all der Überschwang ist in Song Nummer zwei dahin – „Let it die“ tröpfelt erstmal dahin. Wer keine Geduld hat, dem entgeht eine wahre musikalische Kraftentfaltung, die urplötzlich zuckersüß melodisch ums Ohr schmiert. Wie ich so was hasse. Und wie ich es liebe wenn die Foo Fighters genau das machen. Ich gebe zu, wenn ich ganz ehrlich bin, warte ich seit Jahren, dass die Band noch mal eine Platte macht, die sofort knallt. Bei der es ohne Überlegung klick macht. So funktionierte „The Colour and the Shape“. Aber die ersten beiden Foo Fighters-Platten waren mehr oder weniger Grohls Solo-Projekte. Erst danach gab es eine wirkliche Band.
Und ich bin fast versucht zu sagen, der Punkt ist erreicht, es macht Klick. Fast. Denn einen Haken hat die Sache. Gegen Ende nehmen sich die Foo Fighters eine Auszeit und werden etwas beliebig rockig. Schlierige Gitarrensolos. Und eine kräftige Prise von „Skin and Bones“ – der „not so loud“-Variante. Trennten die Foo Fighters auf „Skin and Bones“ verbinden sie nun. Und so richtig zündet es dann nicht mehr. Das zieht sich mitten auf der Platte durch drei Songs, bis man von „Cheer me up“ aus den kühnen Lagerfeuerträumen geweckt wird. Und dann „The Ballad of the Beaconsfield Miners“, ein Instrumental das klingt wie eine Tenacious D-Nummer. Naja, Freundschaft schwappt schon mal über. Gewidmet Minenarbeitern in Beaconsfield, Australien. Nach einem Unglück in der Mine, waren drei Arbeiter eingeschlossen, durch einen Schacht bekamen sie die wichtigste Versorgung – unter anderem Songs der Foo Fighters. Großartiger Song! Aber wirklich Höhepunkte sind das alles nicht. Nichts was leuchtend aus der Platte tritt, über den ersten Song hinaus. Eine gute solide, aber dann doch eine etwas konturlose Platte. Ein kurzer Klick. Irgendwas fehlt mir. Ich weiß selber noch nicht was.