Las Vegas, Nevada. Das sind Casinos mit verschwenderischer Beleuchtung. Las Vegas ist Show-Business, genau wie man es sich aus schlechten Filmen kennt. Aus Las Vegas kommen The Killers, eine von den tausend „The“-Bands, die in den letzten Jahren, mit mehr oder weniger Erfolg, versuchten Corporate Rock vor der eigenen Belanglosigkeit zu retten. Zuvor waren die New Yorker Burschen von The Strokes wie aus dem Nichts auf den Chartgipfel gestürmt. Seitdem sieht es für Gitarren wieder etwas besser aus. Nur von Indie kann eigentlich nie die Rede sein. Das spannende an den Bands war die Rockreferenz, bei der sich durchaus unterschiedlich bedient wurde. Bands wie The Strokes waren ganz fasziniert von der Garage – die sie dann doch grotesk überproduzierten. Vom Rockballast verabschiedete sich niemand. The Killers schlossen ihren musikalischen Kreis gleich komplett selbst. Ein etwas größerer allerdings, der uns auf die Insel führt.
Als Ian Curtis am 18. Mai 1980 erhängt in seinem Haus in Macclesfield aufgefunden wurde, da war ein (kurzes) Kapitel 80er Britrocks beendet. Oder war das schon wieder ein Anfang?! Punk war nie tot, vielleicht legte Punk immer wieder Pausen ein. In den 80ern zeigte Punk seine ganz verschiedenen Gesichter, die sein Überleben zumindest abseits von Corporate-Rock gesichert hatten. Joy Divison standen für die dunklere Variante, die kaum zerrissen und bunt war und viel destruktiver wirkte als das Ideal fast zwanghaft verkaufen wollte. Curtis Stimme hatte kaum Wut, sie war eher bedrohend fordernd. Wer sich über Morrisseys Tanzeinlagen wundern konnte, der hatte Curtis nicht gesehen. Irgendwie auch tragisch, Curtis litt an Epilepsie. Auf beleuchteten Bühnen vielleicht nicht gerade von Vorteil. Morrissey und Curtis, passt das? Beide stehen für Wut in ihrer komplett diametralen Umsetzung. Morrissey war später viel spitzer, spitzfindiger und melodieverliebt, auch dank Marr. Joy Division gingen viel minimalistischer an die Sache. Und Curtis war kaum daran interessiert Fragen offen zu lassen. Die verpackte Gewalt von Morrissey gab es bei Curtis in einer verhaltenen Endzeitversion. Die endenden 70er waren für Bands wie Joy Divison wie gemacht. Das Zentralorgan, der NME, stürzte sich in Windeseile auf die Band aus, wie sollte es anders sein, Manchester. Factory Records, wie sollte es anders sein, brachte 1979 Unknown Pleasures heraus. Eine Absage an Punk? Eher eine neue Sorte. Punk hat Pedigree! Diese Stimme! Es war auch die Stimme. Mit Curtis Tod war das Ende der Band unausweichlich. Glücksgriffe im Sängerwechsel à la AC/DC oder Iron Maiden sind eben Ausnahmen und in den meisten Fällen unmöglich. Sänger mit Charakter werden schnell die Band. Aber ging es nicht eben noch um The Killers? Und überhaupt um die Editors? Schließen wir die Kreise – und werfen einen neuen Namen in den Text. Anton Corbijn ist der Photograph des Britrock. Er fotografiert sie alle, und schließt dann den Kreis – vorläufig. Er lichtete David Bowie ab, nach dessen Song Warszawa sich Joy Division zunächst benannten. Aus den Resten von Joy Division entstand eine neue fantastische Band: New Order. Diese brachte, kaum einer hatte damit gerechnet, 2001 ein ganz großartiges Album heraus (Get Ready) – im Video zur Single Crystal spielt ein junge, stylische Fantasieband: The Killers. Nach dieser – so die Mär – benannten sich die jungen Herren aus Las Vegas. Und nun binden wir den Sack zu, fotografiert wurden auch sie von Corbijn. Verwirrt? Nähern wir uns also endlich den Editors und bleiben bei The Killers. Nachdem Joy Division dank Bands wie Interpol eine Renaissance erfahren durfte, schwammen in genau dieser Suppe plötzlich auch The Killers. Und mit Hot Fuss gelang ihnen sogar eine ganz hervorragende Platte. Das schöne an Hot Fuss war, sie entnahm eine gute Prise Joy Division, genau so viel um einen Funken Eigenständigkeit zu behalten. Auf Hot Fuss, und das ist das Problem, hält das gute 5-6 Songs. Danach kann man mit Hot Fuss nur noch wenig anfangen. Viel Licht – viel Schatten. Sam’s Town dann der Niedergang. Eine Platte die an Langweile kaum zu übertreffen war. Mark Stoermer hatte wohl keinen Bock mehr auf coole Bassläufe. Ärgerlich. The Killers machten nicht beim fünften oder sechsten Song von Hot Fuss weiter, sie setzen in der Langweile des letzten Drittels der Platte an. Welch eine Enttäuschung.
Und an dieser Stelle bewegen wir uns nach Birmingham – in den Midlands. Eine Stadt zwischen Dreck und Style, über die Telly Savallas mal einen Werbefilm vertonte. Hier kommen die Editors her – Musikstudenten. Eigentlich wirklich zum kotzen. Aber die Editors vollenden im Grunde genommen Hot Fuss. An End Has A Start ist eine wirklich runde Sache. Sie leidet etwas an demselben Problem wie Hot Fuss, sie hört beim Hörer etwas früher auf als bei der Band. Aber bis zu diesem Punkt bleibt die Band bei einem coolen, distanzierten Sound, mit vorhersehbaren Melodien, die kaum enttäuschen. Tom Smith dürfte im Lexikon unter Bariton zu finden sein. Verdient hätte er es. Der immer wieder bemühte Vergleich mit Interpol taugt höchstens zur Bestätigung eines Corporate-Rock Textes. Jeder Rezensent, der nur zwei Meter denken kann, ist quasi dazu verdonnert in all der Langweile den nahe liegendsten Vergleich an die Oberfläche zu schleudern und die Epoche der wirklichen Epigonen einfach mal zu überspringen. Die Editors schaffen das Kunststück angespannt zu wirken und trotzdem Pop zu sein. Irgendwie ist das verdammt cool! Das die Platte etwas nachlässt, liegt sicher auch daran das wirkliche Hits, und Smokers Outside The Hospital hat dieses Label wirklich verdient, schnell und früh verschossen werden. Vor allem aber ist den Editors die schwierige zweite LP damit durchaus gelungen. The Back Room findet hier eine etwas glattere, besser produzierte Variante, die an der einen oder anderen Ecke die bessere Idee hat. Und irgendwie ist das ganze beruhigenderweise dann nicht wirklich Retro, denn die Editors stehen fast in einer Reihe der Ahnengalerie, wenig oberflächlich, dafür hintergründig. Auch cool!