Bei manchen Bands, die plötzlich wieder da sind, da steht oft in großen Lettern: Sie Sind Wieder Daaaaaa! Man stelle sich folgenden Satz vor: Sie Sind Wieder Da – Dinosaur Jr.! Das klingt nach Energie, nach Elan, nach Überschwang, nach Pop, nach Wiederkehr, nach Action, aber nicht nach Dinosaur Jr.
Joseph Donald Mascic, ein Mann, jetzt, wie eine Burg. Mascic ist groß, fett, nicht angezogen, die langen Haare hängen grau und unmotiviert herunter, die Augen schauen durch riesige Brillengläser. So schaut Mascic dieser Tage, meist freundlich verschmitzt, von den Titelblättern mancher Musikgazette. Es würde niemanden wundern, wenn dieser Mann abends Pfandflaschen aus Mülleimern sammelt. Mascic ist jetzt 41 Jahre alt, er sieht ungleich älter aus, und seine Band Dinosaur Jr. ist wieder da!
Joseph Donald Mascic sitzt bestimmt manchmal in seinem Wohnzimmer, und lacht darüber, das ausgerechnet er eine Indie-Ikone geworden ist, und heute Turnschuhe designen darf. Turnschuhe! Wenn man Mascic tatsächlich einen solchen Gefühlsausbruch zutraut. Dinosaur Jr. war eine Band einer Zeit, in der ich vornehmlich in gleich mehreren Flanellhemden umherlief, unheimlich viel trank, und mich auch schon damals für die coolste Sau hielt.
Dinsaur Jr. würde man auf dem ersten Blick eine Art Müdigkeit unterstellen, dabei hat Mascics unverwechselbare Stimme eher etwas verzagt angepisstes. Heute klingt Mascic tatsächlich etwas Müde, sagen wir entspannt, und das passt hervorragend zu der schweren Platte. Schwer im Sinne von, ja, ich traue es kaum auszusprechen – geballert. Beyond hat mich wirklich überrascht, die Platte schrammt an der Peripherie der Überproduktion, hat streckenweise so etwas Wall Of Sound-mäßiges, wobei die Gitarre impertinent im Vordergrund bleibt, mit manchem verschrobenem Solo. Dabei wird die Wucht getragen von Mascics manisch ruhiger Stimme. Genau die Stimme, die mich bei „Why are you looking grave“, Mascics Gastauftritt auf dem letzten Album der großartigen Mew, fast zu Tode gelangweilt hat, reißt mich auf dieser Platte mit. Song und Stimme finden perfekt zusammen, dass ist vielleicht eines der Geheimnisse von Dinosaur Jr. Kein Geheimnis hingegen ist das Gespür der Band für Melodien, in Songs wie „Crumble“. Fast sentimental ist das alles. Warum auch nicht? Gute Geschichten haben ihre sentimentalen Einlässe. Dinosaur Jr. gibt es seit Mitte der 80er Jahre, sie haben eine Ganze Musikgeneration durch die Hintertür mitgeprägt, und sie haben sich selbst wütend die Instrumente hinterher geworfen. Das richtige große Ding landeten sie nie, und trotzdem waren sie in aller Munde. Vor allem die Eitelkeit der Musiker führte spätestens 1998 zum Bruch – nachdem zunächst auf der Besetzungscouch immer mal wer anderes Platz nehmen durfte. Mascic blieb immer sitzen.
Keine große Band ohne Reuinion? Oder machen sich wirklich große Bands vor allem durch ihre Abwesenheit irgendwann bemerkbar. Beides ist möglich. 2005 stehen Dinosaur Jr. im Originallayout wieder auf der Bühne. Ohne das Fäuste drohen, und Gitarren fliegen. Die Pixies machten kurz zuvor exemplarisch vor, wie man es vielleicht nicht macht. Die zweite Auflage der Pixies galt innerlich als noch problematischer als die erste. Dabei kam übrigens ein Dokumentarfilm heraus, von dem sich die Band heute gerne distanziert. Aber, zumindest das äußerliche Gemüt von Mascic lässt eine Streitvehemenz dieser Form nicht unbedingt erahnen, auch wenn wir längst wissen, das sie da ist. Die Reunion ging gut. Der Van der Band wurde geknackt, die Instrumente der Band gestohlen und man beschloss weiter zu machen. Und es sieht so aus, als hätte der zweite Dino-Aufguss erstmal alles richtig gemacht. Nein, man beweist nicht, dass man fleißig aktuelle Musik hört. Dinosaur Jr. bewegen sich weit entfernt von jedem aktuellen Stil- oder Gengrediskurs. Auf „Beyond“ kommt Post, in welcher Art auch immer, nicht vor. Das riecht nach ekelhaftem Revival, ist es aber nicht, sondern eher die konsequente Fortführung einer Sache, die die Band irgendwann mal angefangen hat. Und tatsächlich fühlt man sich zurückversetzt in die frühen 90er, in der das Kunstwort ‚Grunge’ grassierte, und in der in Wirklichkeit großartige Punkbands wie Nirvana (das mag Glatteis sein, aber das waren sie meiner Ansicht nach wirklich) oder langweilige Rockbands wie Pearl Jam plötzlich den Äther dominierten. Das war gut, und das war schnell langweilig, weil sich das Konzept so gut verkaufte, dass es innerhalb kürzester Zeit verbraucht war. Und in all das passten Dinosaur Jr. nie wirklich, sie existierten Nebenan, geachtet, geliebt und irgendwie bedeutend unbedeutend. Verbraucht war das alles nur in der Kurzlebigkeit der Popkultur. Tatsächlich beweisen Bands wie Nirvana – und eben auch Dinosaur Jr. – eine bemerkenswerte Langlebigkeit. Und das macht die besondere musikalische Qualität dieser Bands aus, und lässt den Kontext der Zeit völlig unwichtig werden. Heute bekommt jedes Arschloch bei einem Minimum von Talent und so gutem Aussehen, dass sich mindestens zwei Zeilen schreiben und 15 Platten verkaufen lassen, eine Gitarre umgehangen, und wird dann sogleich auf eine Festivalbühne geschubst, um sich dann dort wiederum von ahnungslosen Festivalprolls besoffen beklatschen zu lassen. Das Ganze ist so schnell vergessen, wie eine 0,3er Flasche Becks ausgetrunken ist.
Mancher beklagt nun Angesichts der neuen Dinosaur Jr. Platte den Mangel an Weiterentwicklung. Und das sind höchstwahrscheinlich genau die, die sich mit ebenso verkniffenem Arsch echauffieren würden, hätten Dinosaur Jr. den großen Stilbruch gewagt. Vielleicht wäre die Band damit ein verwechselbarer Rockclown, und damit auch Rockclone geworden. Beyond ist eine herrlich einfache und an keiner Stelle peinliche Platte, eher geprägt von einer schönen Portion Phlegma und Gleichgültigkeit. Das ist vielleicht nicht der große Wurf, aber eben wirklich cool! Erwähnen muss man sicher aber auch Lou Barlow, der Songs schreiben durfte (was er bei Sebadoh bereits recht eindrucksvoll getan hatte), und dem vermeintlichen Ein-Mann-Projekt eine souveräne Absage erteilt. Barlows zwei Beiträge auf Beyond gehören zu den besten. Eine unaufregende charmante Platte. Das muss manchmal auch reichen.