Joe Strummer hatte es ganz richtig erkannt. Der ehemalige The Clash-Frontmann erwies sich immerhin als – wenn wohl auch wenig galanter – Fan von Blonde Redhead. Strummer tauchte als regelmäßiger Gast bei Blonde Redhead auf, so diese sich im schönen London aufhielten. „In truth, your music is way better than mine.“ lallte er Sängerin Kazu Makino entgegen, wonach Strummers ebenfalls anwesende Freundin ihr Top lüftete. Strummer ist jetzt tot und Blonde Redhead haben ein neues Album veröffentlicht. Es heißt „23“, völlig bedeutungslos und ist die vielleicht beste Platte der Band!
Blonde Redhead ist eine Band, die sich nie die Blöße eines Band-Wettbewerbs geben müsste. Sie machen Musik um ihrer selbst willen. Sie machen keine Musik für dich, sie machen Kunst, die sich völlig verselbstständigt. Solche Bands glänzen oftmals im Verborgenen und blitzen dann blendend auf. Mit einer Platte wie „23“. Für Blonde Redhead lief es immer gut, ihr Sound war immer etwas anders, irgendwie merkwürdig europäisch. Die Pace-Zwillinge, geboren in Mailand, aufgewachsen in Montreal, Kazu kommt aus Japan. 1993 gründete sich die Band in New York, das Baby konnte kaum laufen, da produzierte Steve Shelley von Sonic Youth die erste LP der Band, später sitzt Guy Picciotto von Fugazi an den Reglern. Und hätten sie ihre Zelte in Washington D.C. aufgeschlagen, dann wären Dischord wohl nie an ihnen vorbeigekommen.
Für „23“ wieder Prominenz auf dem Studiosessel, diesmal Alan Moulder, der NIN und U2 produzierte. Das warf zunächst Fragen auf. 2004 brachten Blonde Redhead ihr letztes Lebenszeichen, in Form einer ganz grandiosen E.P. heraus. Diese hieß „Equus“ und war von Picciotto produziert. Eine E.P., gewaltig und schön zugleich. Ein Abendkleid ohne Ballast. Moulder schaffte es Blonde Redhead diesen Sound wieder zu geben. Dabei wirken Blonde Redhead ruhiger, aber viel gewaltiger. „23“ hat immer wieder den Anflug von Filmmusik, von unglaublicher Traurigkeit und purem Bombast. Dabei spielt die Band sämtliche ihrer Trümpfe aus. Sie hat nie Angst vor unkonventioneller Instrumentierung; der Gesang geht immer durch Mark und Bein, egal ob Kazu singt oder einer der Pace-Zwillinge. Bisweilen wirkt besonders Kazu zerbrechlich dabei, aber genau das wird – wie fantastisch – aufgebrochen durch das durch und durch feste Fundament der Songs. Als ich die Band 1996 zum ersten Mal sah, schaffte sie es sogar diesen durch Mark und Bein gehenden Sound live zu präsentieren. Dabei entlud sich das gewaltige Moment der Band vor allem in der Möglichkeit der Improvisation einer Liveshow. Das kann keine Platte. Dafür kann eine Platte eine Band testen. „23“ besteht den härtesten Test, man kann mit der B-Seite anfangen, denn Blonde Redhead verschießen an keiner Stelle die großen Momente, sondern sie bieten sie konstant. Natürlich gibt es gewisse Höhepunkte. Für mich der Titelsong „23“, aber auch „sw“, ein ungemein sphärischer Song, der sich in einer kurzen Bläserorgie entlädt, die ganz verdächtig an die Beatles erinnert. Fast eine Reminiszenz an George Martin. „Silently“ könnte nicht besser in den Vorspann eines französischen oder italienischen Films der 60er oder 70er Jahre passen. Es ist fast sinnlos weiteres aus der Platte im Einzelnen herauszureißen. Für mich eine der wichtigsten und besten Platten des Jahres!

„23″ ist erschienen auf 4AD Records. Mit dem Vinyl kommt ein kostenloser MP3-Download. Besorgt euch einen Plattenspieler!

„Silently“