Die Entwicklung des neueren Kinos ist undenkbar ohne den Namen Jean-Luc Godard. Ein Name, eng verbunden mit dem französischen Kino, mit der Nouvelle Vague – dem ersten großen Angriff auf das amerikanische Mainstreamkino in den 60er Jahren. Die Nouvelle Vague entstand etwa Mitte 50er Jahre und ihr Ursprung war eigentlich, dass ist bemerkenswert, die Filmkritik. In der französischen Filmzeitschrift Les Cahiers du cinéma versammelten sich die Wortführer eines neuen Autorenfilms. Claude Chabrol, Francois Truffaut, Eric Rohmer und eben Jean-Luc Godard: Sie allen hatten für die Zeitschrift geschrieben und sich in irgendeiner Form auf Andrè Bazin1 oder Alexandre Astruc bezogen. Diese Filme waren anders, sie waren unkonventionell und versuchten sich abzusetzen von den herkömmlichen Strukturen des Genrekinos. Man verehrte die Werke von Hitchcock oder Rossellini – und aus der Autorengruppe selbst entstand ein prägendes Filmwerk. Der Nouvelle Vague kam dabei einiges hilfreich entgegen – zum einen waren die ökonomischen Bedingungen auch für junge Filmemacher im Frankreich der 50er und 60er Jahre nicht die schlechtesten. Die gaullistische Regierung fühlte sich bedroht von der amerikanischen Kulturmacht, so floß ein recht großer Anteil der Filmeinnahmen an die Filmemacher zurück. Viele auch Unbekannte konnten so erste Filme und Filmexperimente wagen2. Dazu kamen verbesserte technische Möglichkeiten, die nicht nur im Dokumentarfilm völlig neue Möglichkeiten und Untergenres schufen. Der Einsatz von Handkameras und deutlich einfacherer Tontechnik war nun möglich, damit war der Weg geebnet in ein neues Drehen – spontan und manchmal improvisiert.
Gegen die Formel des herkömmlichen Films hieß manchmal auch mit ihr, oftmals war die Formel das Gerüst des Gegenentwurfs – egal wie, der lockere Umgang mit den Regeln des Films schaffte einen schnellen Erfolg.

Jean-Luc Godard’s À bout de souffle (Außer Atem) war einer der wichtigsten Filme der Nouvelle Vague und wird heute immer wieder unter die besten Filme der Filmgeschichte überhaupt gezählt. Godard bediente sich ausführlich der Handkamera und benutzte so, Godard gilt als dessen Erfinder, den Jump-Cut. Eine in sich recht unterschiedliche Technik der Kameraführung, bei der Bildübergänge als Sprung wahrgenommen werden – oftmals wurde dies in früheren Filmen als Schnittfehler entlarvt. Ein Schnitt, der der Kontinuität eines klassischen filmischen Erzählens entgegenstand. Nur benutzt Godard diesen „Fehler“ in der Kontinuität als stilistisches Mittel, denn Godard bleibt damit im Takt. Seine eigentlich einfache Geschichte, eine Homage an den Film Noir, lebt besonders dadurch. Ein durch und durch überraschender Film, der irritiert ohne dass man den Faden verliert.
Mit À bout de souffle wurde nicht nur Godard bekannt, Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo wurde mit diesem Film zum Weltstar. Für Belmondo hatte sich die Entscheidung gelohnt, nach zwei Boxkämpfen eben jene Karriere als Boxer ad acta zu legen und eine Schauspiel- und Theaterschule zu besuchen.

Belmondo spielt in À bout de souffle den Kleinganoven Michel Poiccard, der mit einem gestohlenen Wagen in eine Polizeikontrolle gerät – und dort einen Polizisten erschießt. Die Flucht führt Poiccard nach Paris, wo er recht ziellos in den Tag lebt und schließlich bei der amerikanischen Studentin Patricia (Jean Seberg) unterkommt. Während Poiccard damit beschäftigt ist seine Flucht zu organisieren, verliebt er sich in seine Gastgeberin. Das alles ist mehr Schein als Sein – und irgendwie geht alles in blanker Ironie oder Gleichgültigkeit unter. Poiccard ist kein Held, irgendwie sympathisch und irgendwie auch nicht. Zynisch verrichtet Poiccard sein Tagewerk. Er will eine Gangsterfigur sein wie Bogart, der eine Gastrolle via Filmplakat erhält, und doch ist er für den Gedanken allein zu ziellos. Zumindest die Gesten stiehlt er bei Bogart, aber die Gesten des Gewinners passen nicht zum Verlierer. Und auch mit Patricia sieht es im Grunde genommen nicht anders aus. Eine moderne Gestalt, die weiß was mit ihrem Liebhaber wohl im argen ist – und doch ist sie nicht wirklich interessiert. Am Ende verrät sie Poiccard an die Polizei. Beim Versuch Poiccard zu verhaften wird Poiccard erschossen. Seine letzten Worte sind an die Verräterin Patricia gerichtet und könnten schöner nicht sein: „Du bist wirklich zum Kotzen!“ kommt es dem Sterbenden noch über die Lippen. Dankbarerweise wird ihr dies auch noch wiederholt und schließlich fragt die Amerikanerin den Zuschauer „Was heißt das, kotzen?“ – die Grenze zwischen Zuschauer und Leinwand war hier aufgelöst. Schon am Anfang befragt Poiccard den Zuschauer – ohne erkennbares Interesse, nach seinem Lieblingsurlaubsort (unser Nachdenken darüber wird sogleich durch ein freundliches „Sie können mich mal.“ quittiert). À bout de souffle hat eine Vielzahl von Preisen erlangt und gehört zu den wichtigsten und besten Filmen der Nouvelle Vague.
Übrigens, im Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung ist dieser Film auch gelistet (eine tatsächlich anspruchsvolle und gute Liste).

À bout de soufflee läuft ab dem 23.10. im Cinema Göttingen.

  1. James Monaco: Die Nouvelle Vague und das neue Kino: Kommunikation vor Unterhaltung. S. 328. [zurück]
  2. Peter Graham: Neue Entwicklungen im französischen Kino. In: Geoffrey Nowell-Smith (Hrsg.): Geschichte des internationalen Films. S. 530. [zurück]