Wenn Peter Ventantonio einen gepflegten Anzug anlegt, die Haare korrekt frisiert, die Fliege noch einmal richtet, und farbige Kontaktlinsen einlegt, dann findet eine Verwandlung statt. Aus Peter Ventantonio wird Jack Terricloth.

Vor genau 20 Jahren, 1987, da war Punk längst totgeredet, im Mainstream jedenfalls. Im Untergrund lebte er konstant weiter und entwickelte sich. Eine der herausragendsten Bands dieser Zeit kam aus New Brunswick, New Jersey. Eine Band, die einen fast manischen Sound hatte, der Punk war, aber in keiner Weise rau. Eher verhalten, und doch mit einer leicht aggressiven Stimmung, vielleicht wie die immer in Blumen verpackte Aggressivität der Smiths – aber doch anders, ohne Orchideen und Schmuck. Die Sticks And Stones veröffentlichten lediglich zwei LP’s, und gerade, als genau der Sound der Sticks And Stones angesagt wurde, da verschwand die Band. Das war 1995. Beide LP’s waren großartig, und mir hatte es vor allem die letzte LP, The Optimist Club angetan. Gerade war der Band genau das passiert, was eigentlich den Supergau per se darstellt. Auf Tour brannten Van und Anhänger mit Equipment. Alles war weg, Instrumente, Platten – alles. Überhaupt war die Band mit Fiasko, mit Fatalismus und einfach Pech reichlich vertraut. Auf ihrer ersten, möglicherweise einzigen Deutschlandtour, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, lief so ziemlich alles schief. Genau dann muss man eine LP mit solch einem Namen machen. Und genau deshalb waren Sticks And Stones eine herausragende, großartige Punkband. 1995 wurde aus Sänger und Gitarrist Jack Terricloth dann wieder Peter Ventantonio.

1997 habe ich eines der unglaublichsten Konzerte meines Lebens gesehen. Das Boumans in Potsdam war ein winzig kleiner Laden, der glaube ich im Grunde genommen nichts anderes als eine leer stehende Wohnung in einem leer stehenden Haus war. Der Konzertraum war nicht größer als ein mittleres Wohnzimmer. Es war immer kalt. Im Boumans habe ich einige Konzerte gesehen, aber dieser Abend war allein durch die Ansammlung besonderer Bands unschlagbar, unvergesslich. Im winzigen Wohnzimmer drängten sich The Sin Eaters – eine Art Ersatz-Chisel, The Van Pelt sowie eine Band, mit einem äußerst kryptischen Namen, von der ich nur wusste, dass der Sänger der Sticks And Stones dabei sein sollte. Der Name der Band war The World/Inferno Friendship Society. Aus Peter Ventantonio war wieder Jack Terricloth geworden, mit dem ich später am Abend in meinem VW Passat saß und ein Interview führte, während Teile der Band und ihr Fahrer aufgeregt bis aufgelöst den Van-Schlüssel suchten (ein beliebtes Tour-Spiel). Das Diktiergerät war defekt und nahm nichts auf, aber der Schlüssel fand sich an. Über das Konzert kann man nicht viel sagen, denn es ist schwer perfekte Abende zu beschreiben. Der Laden war so klein, das der Mikrophonständer auf einem Bierkasten vor der Bühne angebracht wurde. Hier legten The Sin Eaters und The Van Pelt herausragende Sets hin, unvergesslich – wie die Bands. Ein eigentlich tragischer Abend, denn die Auflösungserscheinungen der bereits im Dunst der Geschichte verschwundenen Chisel färbte bereits auf The Van Pelt ab. Es ging immer weiter, auch an diesem Abend. Auf dieser winzigen Bühne drängten sich dann satte neun Musiker! W.I.F.S. (die Abkürzung ist wirklich notwendig) hatten eine Instrumentierung die in ihrer Kombination Angst machen konnte. Ein völlig wilder Mix, bei dem man sich fragte, ob die Band auch nur den Hauch einer Chance hatte dem überhaupt Herr zu werden. Die Idee der Band war wahnwitzig. Sie wurden der Idee tatsächlich Herr! W.I.F.S. hatten einen irgendwie morbiden Charme, hatte doch allein das musikalische Konzept sowohl den Sprung nach vorn, als auch den gleichzeitigen Schritt zurück. Die Band war wie ein Jules Verne Roman. Dazwischen operierte der Entertainer des „Punk-Cabaret“, wie oft recht passend charakterisiert wird, Jack Terricloth. Die Stimmung war mehr als angemessen, damals tendierten die Hardcore Kids noch nicht so leicht zu gelangweilten Gesichtern, sobald das 1-2-3-Konzept empfindlich gestört wurde. Hardcore hat eben nichts mit Musik zu tun, sondern mit solchen Abenden!
Bis heute hatte die Band wohl über 30 Musiker! Die Bezüge zu anderen Bands und auch zu anderen Themen, die textliche Bandbreite ist wirklich erstaunlich, lassen sich kaum aufzählen. W.I.F.S. sind inzwischen kein Geheimtip mehr. Die Band ist viel unterwegs, kann auf zahlreiche Touren und insgesamt fünf LP’s, auch auf großartigen deutschen Labels wie The Company With The Golden Arm oder X-Mist zurückblicken. Sind wir ehrlich, bei alledem sind sich W.I.F.S. für meinen Geschmack dann doch etwas zu treu geblieben. Nichts geändert hat sich aber auch an Jack Terricloths Qualität als Entertainer. Auch wenn es letztlich nicht ganz meine Musik ist – Jack schafft es immer wieder diese ganz bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, für die viele Bands noch lange brauchen, und die die meisten nie erlangen werden. Bis aus Jack wieder Peter wird.

The World/Inferno Friendship Society spielen am 24.06. im T-Keller.