Es ist so eine Sache mit harter Musik. Früher war ich im gerade ausgebrochenem postpubertären Wahn der Idee verfallen, dass durch besonders hartes Auftreten meine Chancen in der Frauenwelt um ein vielfaches steigen würde. Im Nachhinein eine ziemlich dämliche Vermutung, damals erschien mir dies jedoch hochgradig plausibel. Für einen Hänfling wie mich bedeutete das ein möglichst expressives hartes Erscheinungsbild auf dem Dancefloor des örtlichen Provinz-Tanzclubs. Die Art von Laden, bei denen man in der Pubertät die tollsten Ideen hatte, was da wohl für Leute ein und ausgehen. Wenn man selber in den Morast eingetaucht war, verschwand diese Faszination sofort, denn die vormals geheimnisvollen Gestalten erwiesen sich schnell als Nullen vom Format meiner selbst. Aber man lebte nun vom Nimbus, der einem selbst nun von Außenstehenden angedichtet wurde.
Als ich in harter Musik versuchte mich, bei wem auch immer, anzubiedern, dann meinte ich damit Bands wie Faith No More oder Rage Against The Machine. Nirvana und Pearl Jam empfand ich zwar auch als ultrahart (was mir selbst schleierhaft erscheint, wenn ich im Nachhinein mal „Ten“ von Pearl Jam auflege), aber mir wurde schnell beigebracht, dass diese sowieso nicht „Independent“ genug wären. Fragen stellte ich damals keine, ich gehorchte den Gesetzen. Auf besagtem Dancefloor verrenkte ich mich einigermaßen und besoff mich parallel mit reichlich Tequila. Das gehörte bei mir einfach dazu. Dann traf ich irgendwann zwei Typen. Die hatten orangene Oberteile an und ziemlich beschissene Frisuren. In meinem Gelalle, in dem ich schon damals den Experten für Musik raushängen lies, ging es auch um Hardcore. Hardcore, dass klang erstmal gut – weil „Hard“. Dann erzählten die mir irgendwas von Straight Edge und tatsächlich, als ich am nächsten Morgen mit hämmerndem Schädel zu mir kam, konnte ich mich zu meiner eigenen Verwunderung an all das erinnern. Machen wir es kurz. Ich wurde dann Straight Edge und gehörte plötzlich in den erlauchten Kreis der Hardcore-Kids am Ort. Die beiden Missionare hatten Straight Edge längst an den Nagel gehängt und mancher erzählte sich, dass auch ihre Nähe zur Krishna-Bewegung dahin sei. Seit dem hat sich viel getan, die beiden begannen Pillen zu verticken und ich kam von Straight Edge und Hardcore nicht mehr runter. Ich habe die Lektion gelernt, dass Hardcore mir harter Musik nichts zu tun hat – und heute bemerke ich, dass es immer weniger „harte“ Musik gibt, die mich mitreißt. Differenzierungen kennen die Hardcore-Kids heute nicht mehr, die wollen am liebsten immer voll auf die Zwölf und es ist gerne gesehen, wenn alles möglichst gleich dabei klingt. Praktischerweise gibt es einen nicht endenden Fluss an Bollo- oder Metalcorebands, die fleißig die Klischees besorgen und versorgen. Die Platten hören sich nicht nur alle gleich an, inzwischen sehen sie auch noch gleich aus. Mein Problem mit Hardcore ist, dass zumindest, wenn es um tatsächlich harte Musik geht, mich fast alles nur noch langweilt. Gut, wären da Converge. Eine verlässliche Band – die aber inzwischen so verlässlich ist, dass sie eine Konsenskapelle geworden ist, offenbar auch ein Megaseller im Merchandisingbereich. Gut, da wären The Dillinger Escape Plan, da wären The Taint. Da wäre eine deutsche Band wie Perth Express, die nichts neues erfindet, aber den Rahmen perfekt ausreizt. Daneben existiert eine Menge Gleichklang und breite Gutfinderei. Gähnend langweilig.

Vor ein paar Wochen flutschte mir reichlich verspätet die neue LP der Band 108 in die Hände. Die legte ich erstmal bei Seite. 108 – die wollte ich früher nicht gut finden. Ich hatte und habe mit Religionen, welcher Art auch immer, größte Probleme. Mit dem dem Sub-Genre Krishna-Core wollte ich so wenig wie möglich zu tun haben. Und trotzdem war das irgendwie auch ambivalent. Früher fand ich Shelter cool – auch eine Krishna-Kapelle, da brauchte ich einfach nicht noch 108. In schöner Ignoranz war das Thema damit für mich gegessen. Von Krishna und irgendwelchen devotee’s wollte ich nichts wissen. Welch herrliche Kurzsichtigkeit, zumindest was das musikalische angeht. In den Venen von Bands wie Texas Is The Reason steckt reichlich Personal aus den genannten Bands. Das Krishna-Bewusstsein ist auch kennzeichnend für die aktuelle Platte der Band „A New Beat From A Dead Heart“ und doch wiegt es nicht über. Wer friedliche Buchverkäufer in der Innenstadt erwartet, sollte schnell eines besseren belehrt sein. Und als ich dann tatsächlich die Platte auch mal hörte, da dachte als erstes: A-HA! Ich dachte an die norwegische Pop-Band A-HA und deren Album „Minor Earth – Major Sky“. Da versuchten in der großen Popwüste jahrelang alle möglichen Bands eine gute Pop-Platte zu machen – doch plötzlich tauchen A-HA auf, zurück aus der Versenkung um ein völlig souveränes Pop-Album vorzulegen, dass nichts anderes aussagte, als das alle anderen Versuche kolossal gescheitert waren. Das war 2000. Genau den Gedanken hatte ich dann auch, nachdem ich das erste mal „A New Beat From A Dead Heart“ hörte und erschöpft in meinem Stuhl versunken saß. Was für eine Platte! Nur ging es diesmal nicht um Pop-Musik.
108 haben es geschafft eine Platte zu produzieren, die souverän zwischen heute und gestern steht. Sie transferieren einen Sound, der seine Wurzeln in der 90ern hat, perfekt ins jetzt. Verantwortlich dafür ist sicherlich auch, dass Converge-Kurt Ballou die Platte produziert hat. So eine Ecke Converge ist in der Produktion deutlich zu hören und lässt „A New Beat From A Dead Heart“ zu einer außerordentlich intensiven und unglaublich wütenden Platte geraten. Das Ganze sticht ganz souverän aus dem Wust von aktuellen Veröffentlichungen heraus. Nach gut 10 Jahren Pause und ohne Studioalbum melden sich 108 mit einem wahren Kracher zurück. Natürlich, wir werden nicht mit Krishna-Versatzstücken verschont, nur kracht es dazwischen an jeder Ecke. Robert Fish/Rasaraja klingt am Gesang, als wolle er uns höchst persönlich an die Gurgel gehen. Vic Dicara sägt an der Gitarre erbarmungslos ins Gehör, Trivikrama dasa am Bass und Tom Hogan an den Drums tuen ihr übriges – das Ganze ist an keiner Ecke glatt produziert, sondern klingt viel eher durchweg reißend und böse. Die Band verzichtet aufs Verharren in minutenlangen Solo-Elegien und liefert kurze Anschläge, immer auf den Punkt. „Declarations on a Grave“, der erste Song der Platte, zeigt sofort, wo der Hammer hängt. Danach gibt es kaum Chancen eben jenem Hammer zu entfliehen. Genau so muss eine moderne „harte“ Platte klingen. Kein überkandideltes technisches Rumgemäre, sondern ein böser Anschlag auf die Gehörgänge – nie schmeichelhaft und immer mit guten Ideen. „Angel Strike Man“ ist ein Song, der genau das alles beinhaltet, ein Song der sich gemein hochschraubt und dann irgendwann in einen Moshpart wechselt, der irgendwie alt und doch modern klingt – es fällt mir wirklich schwer weitere Highlights aus dieser unglaublich gelungenen Platte herauszunehmen. Der Anspruch der Band an „A New Beat From A Dead Heart“: „Direct expression. Bypass mind. Bypass intellect. Self to sound. Against the dead trend. The robot me. The modern social entity stripped of color and vibrancy. Not philosophy. Not religion. True self expressed in sound.“ – das ist irgendwie tatsächlich gelungen. 108 haben es geschafft, sich, trotz aller Bedenken was die religiösen Anteile angeht, ganz hervorragend wieder zu positionieren. Endlich wieder gute harte Musik!

Conclusion: A-HA „Minor Earth – Major Sky“ besorgen, 108 „A New Beat From A Dead Heart“ besorgen, beides hintereinander weg hören!