Zwei Wochen Proberaum – und dann? Ein Interview mit Celan.

Was passiert wenn Ari Benjamin Meyer (Einstürzenden Neubauten, Redux Orchestra), Unsane-Sänger Chris Spencer in einer Bar trifft? Klar, es wird das eine oder andere getrunken und sogleich mit Personalien von so unbedeutenden anderen Bands wie flu.ID (Phillip Röder, Franz Xaver) und Oxbow (Niko Werner) eine Band gegründet. Logisch! Bands wie Celan haben aber auch immer ein Problem. Große Namen schön und gut, blöderweise muss man sich an genau diesen messen lassen. Sowas kann mitunter nerven. Das markante Aufkommen eben solcher Namen unter der neuen Marke Celan ist von besonderem Kaliber. Alle Beteiligten, die sich da zwei Wochen im Probelokal der Einstürzenden Neubauten versammelten, stehen für einen Zugang zu Musik, der kompositorisch interessant, bisweilen verwegen und kantig ist. Insbesondere der Name flu.ID ließ mich in dem Gemenge aufhorchen. Kaum eine andere deutsche Band konnte mich in der jünger zurückliegenden Zeit live derartig brutal und chaotisch begeistern.
Celans erste Platte „Halo“ bietet da eine sehr Unsane-lastige Schnittmenge, die zumindest mich hoch erfreute. Mancher Höhepunkt wartet da zwischen den Zeilen. Rock der so geschrieben ist, wie ich ihn eigentlich mag. Dort wo normalerweise Riffs alles zukleistern, lassen Celan Momente durchschauen, die in (hoffentlich) folgenden Werken deutlicher durchschlagen werden. Bis dahin ist das zwei Wochen Experiment gelungen. Und nun geht’s auf Tour. Vorher habe ich Franz Xaver zu großen Namen, großen Erwartungen und zur Sache an sich befragt:

Monsters: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht der einzige war, der ziemlich große Augen machte, als von diesem neuen Projekt die Rede war. Ist CELAN eigentlich ne richtige „Band“ oder ist das Ganze erstmal als Projekt zu verstehen?

Franz: So recht wussten wir das selber nicht. Alle sind vor einem Jahr zu den Aufnahmen relativ unvorbelastet von Erwartungen da ran gegangen. Ich denke, so richtig zeigen wird sich das erst mit der ersten gemeinsamen Tour im September, wenn man auch Möglichkeiten zum kennen lernen hat, die über ‚drei Tage proben und das wars für dieses halbe Jahr‘ hinausgehen. Dennoch ist der Rahmen, sich als Band zu verstehen, recht dünn, weil wir so scheisse weit auseinander wohnen.

Monsters: Lass uns mal kurz über den Hintergrund von Celan sprechen. Auch wenn du das jetzt vielleicht schon 645 Mal erzählen musstest – wie ist es eigentlich dazu gekommen?

Franz: Das verbindende Moment ist Chris. Ihn haben Phillip Röder und ich auf der vorletzten Tour mit flu.ID, als wir mit Unsane gespielt haben, kennen gelernt, bevor wir uns dann auflösten. Chris hat nach seinem Umzug nach Berlin mehr oder minder zufällig Ari getroffen und Pläne geschmiedet, was man denn mit der vielen Zeit hier anfangen kann. Niko kam dann recht spontan zu den Aufnahmen dazu. Auch hier war es Chris, der den Kontakt hergestellt hat. Wirklich kennengelernt haben wir uns dann im Studio zum Songs schreiben und aufnehmen. Das war schon eine Herausforderung, aber es hat zwischenmenschlich super geklappt. Das hätte auch schief gehen können.

Monsters: Phillip Röder und du wart ja recht lange mit flu.ID in d.i.y. Kreisen unterwegs, habt zwei 10″s rausgebracht und eben entsprechende Shows gespielt. Wie läuft das jetzt – wie verfahrt ihr bei Celan mit den Songwriting. ihr wohnt ja schon recht – äh – verteilt?

Franz: Die Songwriting-Situation hatten wir bisher nur ein einziges Mal. Und das im Studio. Da kam jeder mit unterschiedlich ausgereiften Ideen, an denen dann zusammen gearbeitet wurde. Classic. Auch wenn man objektiv sagen kann, dass man einen typischen Unsane-Sound heraushören kann, passiert auf der Platte schon noch mehr als das. Wie das mit Songwriting in Zukunft wird, kann ich noch nicht absehen. Das hängt von der Entwicklung der Gruppe und der investierten zeit ab.

Monsters: Hat es bei Celan so eine art musikalisches Konzept gegeben oder seid ihr eher frei in den Proberaum gegangen? Die Platte finde ich hat schon viel von Unsane, also schon ein ziemliches Noisebrett. Wie habt ihr euch da musikalisch zusammengefunden?

Franz: Das war seltsamerweise einfacher, als zuvor angenommen. Ich hatte vorher bedenken, dass die einzelnen Leute – ich wie auch alle anderen – aus ihren bisherigen Filmen und Erwartungen nicht herauskommen können würden. Glücklicherweise waren meine Bedenken unbegründet. Ari hat es einmal sehr gut zusammengefasst, dass wir nämlich die Chance, mit völlig anderen und verschiedenen Leuten mit anderen Backgrounds, mal etwas Neues wagen nutzen sollten- wenn auch nur intern für jeden Einzelnen neues.
Natürlich hört man die einzelnen verschiedenen Styles raus, aber insgesamt ist etwas herausgekommen, was keiner von uns bisher gemacht hatte. Das ging nur, weil man sich nicht die üblichen Schranken auferlegt hatte. Eigentlich hätte es auch ein Indie-Pop-Album werden können ;)

Monsters: Ergeben sich eigentlich hier musikalisch mehr Möglichkeiten als mit flu.ID?

Franz: Hm, schwierige Frage. Ich glaube nicht, zumindest aus einem Weirdo-Verständnis heraus. Aber der Sound, den wir mit flu.ID gemacht haben, ist für mich auch durch. Zu anstrengend und kopflastig, hehe. Dafür eröffnen sich allerdings neue Möglichkeiten, weil wir studierte Akademiker-Musiker mit viel Erfahrung dabei haben. Das gegeneinander aufwiegen möchte ich jedoch nicht.

Monsters: Wie geht ihr eigentlich mit diesem supernervigen „allstar“-Faktor um? Ich glaube an eine Band wie Celan heften sich ziemlich schnell unerfüllbare Erwartungen und die Leute erwarten eine neue Interpretation von Stockhausen ;)

Franz: Hehe, da muss ich dann wohl leider enttäuschen:) Aber im ernst: da habe ich eigentlich ein bisschen Schiss davor. Vor allem wegen den Erwartungen schaue ich schon gespannt auf die Tour im September. Es kann gut sein, dass das ganze Ding floppt oder eben auch gut ankommt. Ich kanns absolut nicht einschätzen. Mit dem allstar-Faktor hatte ich noch nicht viel zu kämpfen. Immer, wenn ich angeben wollte, mit wem ich in der Band spiele, wussten die Leute nie wovon ich rede, hahaha. In der Presse ist das hingegen was anderes, und da nervt es ziemlich, dass die Band auf ein zwei Personen reduziert wird. Ich denke aber, dass sich das ändert, wenn man kontinuierlich mit Celan weiter arbeitet und Interesse nicht über die Personen, sondern über Musik, herstellt. Nur so gewinnt die Band als solche auch an Charakter.

Monsters: Wie ist es denn jetzt so Musik auf einem höheren Level zu machen, also ihr spielt ja schon größere Shows und so Kram?

Franz: Für die Band ist das kein großer Unterschied. Wir arbeiten zusammen und hängen ab, wenn und wie es möglich ist, wie es jeder macht. Ich sehe da kein Unterschied. Mit den Shows ist es etwas anders. Es ist im Vergleich schon ein ziemlicher Luxus, den man genießt. Mir ist das allerdings irgendwie fremd. Nicht, dass es „unecht“ oder „nicht real“ oder sowas wäre, aber es ist einfach nicht mehr so persönlich, was ich sehr schade finde. Früher habe ich sehr viele nette Leute kennengelernt, die irgendwie in der Konzertgruppe oder sowas eingebunden waren oder wo man gepennt hat. Jetzt hat man mit Promotern zu tun, für die es zwar auch in gewisser Weise Idealismus ist, dass sie im mageren Kulturbetrieb arbeiten, aber zum Anderen ist es eben auch Business. Das ist okay, das ist auch gut und alles. Wahrscheinlich habe ich da noch ein kleines, altes und überholtes verkürzt-antikapitalistisches Bild im Kopf. Aber irgendwie finde ich das auch süß :)

Celan „Halo“ erschien auf Exile on Mainstream Records.
Celan sind im September und Oktober auf Tour!

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